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  • Karin

#51 "Guet gmeinti" Ratschläg gäh und becho

Aktualisiert: 10. Apr.


Picture by Luis Villasmil


Du musst nur… ich weiss es besser als du… Ich sage dir jetzt wie es richtig geht…


Kennst du solche Sätze?


Diese Worte triggern mich stark momentan. Wir Menschen wissen alles besser. Ich weiss alles besser als du. Menschen um uns herum wissen ganz genau, was jetzt das Richtige sei für mein Mann Dani und mich. Sie wissen, was wir als nächstes tun sollten, sie wissen, wie wir mehr Erfolg hätten, sie wissen, wie wir glücklich werden, sie wissen einfach alles Besser. Und ich habe es wirklich so satt. Bei mir löst das so unglaublich viel aus. Denn ich glaube, wir sind uns dessen nicht bewusst. Auch ich gebe diese Ratschläge, doch was können sie wirklich beim Gegenüber bewirken? Wir finden es heraus. Und ich hoffe, dass wir alle, inklusive mir, unsere eigene Kommunikation immer wieder hinterfragen. Dass wir immer wieder überlegen, was will ich denn wirklich ausdrücken und was kommt stattdessen beim Gegenüber an.


Zuerst einmal fange ich wie gewohnt bei mir an. Nicht der Andere, der Sender der Ratschläge ist das Problem. Erst einmal frage ich mich: Warum triggern mich diese Worte so stark?


Du bist besser und weisst es besser

Als Erstes fühle ich mich von oben herab behandelt, Tipps und Ratschläge geben, ist keine Kommunikation auf Augenhöhe. Es ist eine Aussage, die auch beinhaltet, dass du es besser weisst als ich. Und wenn du es besser weisss als ich, dann stellst du dich über mich. Du als Sender musst das nicht einmal aussprechen, es ist genau das, was du unterschwellig kommunizierst und zusätzlich in deiner Körpersprache ausdruckst. Du bist besser als ich. Das Zweite was mich so trifft, ist, dass es sich für mich anfühlt, als würde das Gegenüber mich für Dumm verkaufen. Es fühlt sich an, als würden sie sagen, «ich gebe dir jetzt eine Idee, die ist bahnbrechend, darauf wärst du niemals selber gekommen». Mir ist klar, dass das nicht so gemeint ist, dennoch kommt es so bei mir an. Denn zu 99% hat man sich ja bereits mit den verschiedenen weiteren Möglichkeiten der eigenen Problematik befasst.


Kennst du das, was ich da beschreibe? Ich glaube, das ist ein ganz normales menschliches Verhalten. Ich meine es gut mit dir und gebe dir meinen Tipp, meinen Ratschlag, meinen Hinweis. Doch sind diese Ratschläge wirklich so gut gemeint? Und warum können sie komplett falsch verstanden werden?


Natürlich kennen wir das auch aus unserer Kindheit. Eltern wissen immer, oder meistens, was das Beste ist für die Kinder. Als Eltern wollen wir den Kindern die Erfahrungen ersparen, die wir selber machen mussten. Wir wollen die Kinder vor Schmerz, Unglück und Leid bewahren. Auch sehen wir unsere Kinder manchmal frontal auf eine Klippe zulaufen, die wir selber schon aus der Ferne sehen. Wir machen uns also auch Sorgen, haben Angst, dass die Kinder einen falschen Weg einschlagen. Und doch gilt es hier vermutlich ein Mittelmass zu finden, besonders wenn die Kinder flügge werden. Wie stark müssen sie ihre eigenen Erfahrungen machen und wie stark ist meine Meinung noch wichtig? Sind denn meine Ratschläge tatsächlich richtig? Weiss ich denn wirklich, was das Beste für mein Kind ist? Oder kann es sein, dass das Kind früher oder später selber lernen muss, was das Beste ist?

Und das betrifft ja nicht nur Eltern. Wir erhalten ja oft Ratschläge von allen Seiten, von fremden und nahen Menschen, von Guten und nicht so guten Menschen, von Freunden oder Bekannten. Meist sind es gut gemeinte Ratschläge. Meist unterstützend gemeint.


Aber was ist denn das grosse Problem an dieser Art der Kommunikation?

Ratschläge schaffen eine Hierarchie, ich stelle mich über dich. Die Kommunikation findet nicht mehr auf Augenhöhe statt. Indem ich dir sage, was das Beste für dich ist, stelle ich mich über dich. Ich sage dir somit, ich weiss es besser als du. Du brauchst meine Hilfe, meinen Ratschlag, ohne mich kommst du nicht weiter. Vielleicht ist das manchmal nicht unsere Absicht, dies zu implizieren, und dennoch wird es so verstanden, ob wir wollen oder nicht. Der Empfänger hört, du bist besser als ich, ich bin schlechter als du. Ich weiss nicht weiter, und du hilfst mir.


Ich habe einmal gelesen:

«Nimm nie einen Ratschlag an, von Jemandem, der nicht dort steht, wo du gerne hinmöchtest».

So wundervoll, in einem Satz zusammengefasst. Verstehst du was das heisst? Also wenn das Gegenüber da steht, wo ich gerne hinmöchte, dann kann er sich zumindest sehr gut vorstellen, wie es dir geht, was du durchmachst und was da noch auf dich zukommt. Doch ein Ratschlag von Jemandem, der nicht weiss, was du durchmachst, ist meistens wahrscheinlich nicht sonderlich hilfreich. Denn er weiss weder was es braucht um das Problem zu lösen, noch wie es dir wirklich geht.


Aber gehen wir jetzt nochmals zurück zum Sender des Ratschlages. Warum tun wir es also wirklich? Was passiert in mir, wenn ich Ratschläge gebe?

- Ich fühle mich gut

- ich fühle mich besser als du

- ich fühle mich wichtig

- ich fühle mich gebraucht

- Es gibt mir ein Gefühl von Macht

- Einfluss zu haben, auf eine andere Person.


Studien zeigen sogar, dass der, der Ratschläge verteilt, selber deutlich mehr Motivation für das Thema erhält, als der, der die Ratschläge empfängt. Spannend oder? Ist also ein egoistischer Antrieb hinter dem Ratschläge geben? Vielleicht.

Ja was genau tun wir denn, wenn wir Ratschläge geben? Wenn uns jemand von seinen aktuellen Herausforderungen erzählt, was passiert da in uns, als möglichen Sender?

Wir überlegen uns, was wir tun würden, wenn wir in der Situation wären. Wir betrachten die Situation aus unserer Brille, aus unserer Sicht, aus unserer Erfahrung heraus.

Spannend oder? Wenn wir also eine Herausforderung hören, überlegen wir subito was wir tun würden und laden dies auf den Anderen drauf, um uns danach besser zu fühlen.


Arten von "Ratschläger"

Ich habe versucht herauszufinden, welche Typen von Ratschläger dass es gibt:

1. Alles wird gut / Rausredner

Dieser Ratschläger sendet vor allem Floskeln, allgemein gehaltene Aussagen wie «das wird schon wieder», oder «glaube an dich, das schaffst du schon» oder «kommt Zeit, kommt Rat», «Zeit heilt Wunden».

Absicht: Sich selber besser fühlen, Hilflosigkeit vertreiben


2. Bagatellisierer und Harmoniebedürftige

Dieser Ratschläger macht alles Kleiner als es ist «so schlimm ist es nun auch nicht» oder «Komm, da hast du doch schon ganz anderes überstanden» oder «Du musst doch keine Angst haben»

Absicht: Die Angst in mir, das Problem wird zu gross, wird besänftigt, Die Angst in mir, dass grosse Emotionen kommen, die ich nicht tragen kann, wird besänftigt, Die Absicht wieder Harmonie im Gespräch herzustellen


3. Besserwisser

Dieser Ratschläger weiss auf alles eine Antwort und ist immer an der Spitze mit dran

Absicht: Sich besser und stärker fühlen als der Empfänger, ich bin besser als du, ich weiss wovon ich spreche, ich zeige dir wie es geht, Held sein, gebraucht werden


4. Lebensretter: Gut gemeint, schlecht gemacht

Dieser Ratschläger will nur das Beste für den Empfänger, er tut mir leid und ich möchte nur helfen, ich möchte den Empfänger retten

Absicht: Ohnmacht betäuben, Hilflosigkeit einschränken, Held sein


5. Die Ängstlichen

Dieser Ratschläger projiziert die eigenen Ängste und Unsicherheiten aus seinem Leben auf den Empfänger

Absicht: Seine eigenen Probleme lösen


Was kommt an beim Empfänger?

Leider fühlen wir uns nur allzu oft unverstanden von unserem Gegenüber. Wir haben das Gefühl, nicht gehört und verstanden zu werden. Vielleicht haben wir auch das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Besonders dann, wenn der gut gemeinte Ratschlag bei Weitem nicht auf meine Herausforderung passt.

Ich glaube, die Schwierigkeit ist genau das, dass der Ratschlag-Sender es gut meint, nur das Beste für mich will und mir helfen möchte, meine Sorgen zu verkleinern. Doch es hilft mir nicht. Der Sender geht ja immer von seiner Situation aus. Mir hat das damals geholfen, ich habe es damals so gemacht. Doch dein Weg, ist nicht immer passend auf meinen Weg. Das merkst du bestimmt auch wenn du meinen Podcast hörst. Ich teile hier, was mein Weg war, wie ich es gemacht habe, was mir geholfen hat. Das mag einen Teil der Zuhörer inspirieren und ansprechen, doch mein Weg passt nicht immer auch auf deinen Weg. Und genau so ist es mit den Ratschlägen auch.


Unsere aktuelle Situation

Besonders jetzt ist mir das wieder ganz deutlich aufgefallen. Denn gerade aktuell ist es mir wichtiger denn je, dass ich Entscheidungen treffe, die für mich stimmen. Dass ich das mache, was ich möchte. Und nicht das, was für mein Umfeld das Beste ist.

Wie löst du das? Wie gehst du damit um? Wie reagierst du auf Ratschläge?

Jetzt drehen wir jetzt den Spiess um. Warum erzählen wir überhaupt von unseren Problemen? Was erhoffen wir uns denn, wenn nicht einen Ratschlag?

  • Brauchen wir in Wahrheit einfach nur Empathie und Mitgefühl?

  • Oder wollen wir mehr fachliche Informationen? Wollen wir unsere eigenen Wissenslücken mit dem Wissen des Gegenübers füllen?

  • Oder brauchen wir in Wahrheit etwas Druck?


Also zusammengefasst geben wir nur allzu oft Ratschläge auf etwas, wovon wir keine Ahnung haben, wir reden mit, ohne genau zu wissen wo überhaupt die Herausforderungen sind und wir meinen, etwas Besser zu wissen, ohne überhaupt dergleichen je gelernt zu haben. Geschweige denn, selber je an dem Punkt gestanden zu sein. Und wir verletzen damit den Empfänger.


Fazit

Natürlich geht es mir genauso, auch mir passiert das. Und so möchte ich dich inspirieren, dich und mich selber.

Wenn wir zuhören, dann öffnen wir uns doch für das Gegenüber. Lasst uns in Erfahrung bringen, wie es meinem Gegenüber mit seinen Problemen und Herausforderungen wirklich geht. Ich möchte offene Fragen stellen, ich möchte wahres Interesse zeigen und mir die Geschichte erst einmal anhören. Um dann, wenn mein Gegenüber bei mir abgeladen hat, zu fragen, wie ich ihn denn jetzt unterstützen kann. Ob er einen Tipp von mir möchte, ob wir darüber diskutieren sollen, ob er meine Meinung wissen möchte, ob er einfach erzählen wollte, oder ob wir eintauchen sollen und die Herausforderung in einem Coaching tiefer anschauen sollen. Denn so habe ich die Möglichkeit, dem Gegenüber wirklich zu helfen.

Und umgekehrt, wenn ich Anderen von meinem Problem erzähle, dann frage ich mich am besten, was ich denn wirklich ganz genau brauche: Ist es Fachwissen? Empathie und Liebe? Emotionaler Aufbau ? Denn wenn ich das weiss, dann kann ich das auch dem Gegenüber kommunizieren, um Enttäuschungen und Schmerz zu vermeiden.


Quellen:

Warum wir gerne Ratschläge geben und wie es besser funktioniert — Ingrid Gerstbach - Design Thinking

UZH - Entwicklungspsychologie: Erwachsenenalter - Gute Ratschläge sind hilfreich - vor allem, wenn man sie selber gibt



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