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  • Karin

#44 Dr wäg zur eigene Sexualität


Einleitung

Als ich vor vielen Jahren die ersten paar Male Sex hatte in meinem Leben, fragte ich einige meiner engsten Freundinnen, was ihnen denn ernsthaft so Spass mache am Sex. Ich selber fühlte nur sehr wenig beim Geschlechtsverkehr und fand nur wenig Begeisterung dafür. Ich verstand nicht so ganz, warum um Sex so ein riesen Ding gemacht wird.

Und Selbstbefriedigung? Das war für mich viele Jahre tief vergraben, mit viel Scham und Schuld. Ich habe mich so viele Jahre immer geschämt für die Selbstbefriedigung. Sätze wie «das macht man nicht» hallten in meinen Ohren. Orgasmen kannte ich also nicht, und das beschäftigte mich an der ganzen Sache am meisten.


Keinen Spass am Sex, keine Lust auf Selbstbefriedigung und keine Orgasmen. Was ist da los, bin ich kaputt? Ist etwas falsch mit mir? Das finden wir heraus. Denn heute, 14 Jahre später, habe ich den Spass am Sex und der Selbstbefriedigung gefunden. Und hatte meinen allerersten Orgasmus. Dazwischen steht eine lange Reise, die ich so gerne mit dir teile. Eine ganz persönliche Reise zu mir selbst und meiner Weiblichkeit.


Du fühlst keine Verbindung zu deiner Weiblichkeit? Mit 30 noch keinen Orgasmus? Du traust dich nicht, dich selber zu befriedigen? Du hast keinen Spass am Sex? Oder schämst dich überhaupt über Sexualität zu sprechen? Dann bist du hier genau richtig, denn mir ging es genau so. Ich erzähle dir meine Geschichte und wie ich zu meinem ersten Orgasmus kam.


Mein Weg zu meinem Orgasmus

Das kenne ich alles, glaub mir. Genau deshalb teile ich meine Geschichte, in der Hoffnung, dass auch du etwas tust, um zu dir und deiner eigenen Sexualität zu finden. Denn während den vergangenen Monaten habe ich gelernt, dass es unfassbar vielen Frauen so geht. Dass so viele Frauen keine Verbindung zu sich selbst fühlen, keine Freude am Sex verspüren und sich nicht selber befriedigen. Und mit 30 noch keinen Orgasmus? Da bin ich längst nicht die Einzige.

Ich bitte dich also, mach dir selber den Gefallen und komm ins Handeln. Denn wenn etwas wirklich befreiend und vor allem befriedigend ist, dann ist es ein Orgasmus. Und ich habe das Gefühl, seit ich diese Hürde geschafft habe, bin ich verbundener mit mir als je zuvor. Und wenn du dich auch mit nur einem Teil meiner Geschichte identifizieren kann, dich auch nur etwas kleines triggert, dann schau bitte hin. Denn aus irgendeinem Grund hörst du genau jetzt diesen Podcast. Lass dich von mir aktivieren, deine Situation selbst in die Hand zu nehmen. Ich weiss wie anstrengend und unangenehm das ist, aber glaub mir, es lohnt sich.


Los geht’s.


Teenie-Zeit

Im Gegensatz zu anderen Mädchen war ich ein Spätsünder. Mit allem was ein Mädchen erleben kann, war ich immer deutlich später als alle anderen.

Ich wurde liebevoll erzogen, kannte Anstand und Respekt. Ich wusste was in der Gesellschaft zum guten Ton gehört. Meine Eltern kontrollierten jeweils liebevoll meine Outfits und schickten mich zurück zum Kleiderschrank wenn ich es übertrieb für den Ausgang. Und mir wurde beigebracht Nein zu sagen, wenn ich etwas nicht will.


Allerdings kam bei mir die sexuelle Aufklärung viel zu kurz. Ich hätte so gerne mehr gewusst, aber hatte keine vertrauliche Quelle für Antworten. Mir fehlte ganz stark der Zugang zur Sexualität. Im Internet schauen konnte ich damals nicht heimlich, wir hatten einen uralten und vor allem langsamen Familiencomputer, da konnte man nicht in Ruhe rumsurfen. Das Bravoheft wurde mir verboten und Erwachsene, denen ich diesbezüglich getraut hätte, konnten nicht frei darüber reden. Natürlich redete ich mit meinen Freundinnen, doch sie wussten auch nicht alles und waren genauso schambehaftet wie ich. Dennoch wurde mir schnell klar, was die anderen Mädels so treiben, und versuchte es auch. Doch ich wurde vermutlich ziemlich blöd erwischt, das weiss ich nicht mehr so genau. aber ich wurde von Erwachsenen belehrt, dass Selbstbefriedigung etwas Schmutziges ist, «dass man das nicht macht». Ich versuchte zwar immer wieder mich damit anzufreunden, doch die Scham war viel zu gross. Ich kaufte mir zwar irgendwann einen Vibrator, doch die Angst erwischt zu werden und die Scham vor der eigenen Lust und den eigenen Bedürfnissen war zu gross. So verstaubte dieser langsam vor sich hin.


Meine Teenagerzeit, verbrachte ich in einer männerdominierten Clique. Ich war also umgeben von meiner Freundin und dem Rest Männer, die eine riesengrosse Klappe hatten und grosse Sprüche über Sex und Frauen rissen. Ich lernte dort, was eine Frau zu tragen hat, wie ihre Vulva auszusehen hat, sprich dass da unten alles rasiert sein muss, und worauf diese Männer scharf sind. Ja, das hat sich bei mir stark eingeprägt. Natürlich wollte ich gefallen und spielte mit bei den Sprüchen. Natürlich wurde ich auch viel ausgelacht, vor allem dann, wenn ich nicht verstand worum es ging, oder mir die cleveren Antworten fehlten. Mich selber liessen die Jungs physisch zwar mehr oder weniger in Ruhe, doch hörte und spürte ich natürlich, wie sie die Frauen im Ausgang wie Objekte beurteilten.


Plötzlich Erwachsen

Später dann verliess ich die Clique und mein Dorf und machte weitere Erfahrungen. Ich lernte andere Männer kennen, hatte feste Beziehungen, ein paar Abenteuer, ein paar Liebschaften. Leider gab es viele Erfahrungen für mich, die nicht gerade rosig waren, die Schmerz, Enttäuschung, Wut und Scham enthielten. Und im Grossen und Ganzen habe ich den Spass am Sex nicht wirklich gefunden. Und einen Orgasmus gab es auch nicht. Irgendwie fand ich einfach die Kurve nicht.


Und dann kam Daniel...

Viele Jahre später, mit 22 Jahren, kam ich dann mit Daniel, meinem jetzigen Ehemann zusammen. Unser Sex war zwar immer wunderschön, denn Liebe wie für Daniel habe ich vorher noch nie für Jemanden empfunden. Deshalb waren alleine die Berührungen magisch. Und doch, brachten wir beide unsere Vergangenheit mit und durften also schon sehr früh in der Beziehung offen und ehrlich über dieses für mich so schambehaftete Thema sprechen. Natürlich gelang mir das damals noch längst nicht so gut wie heute. Schon nur darüber zu sprechen, oder Worte wie Penis oder Vulva zu sagen kostete mich Überwindung. Auch mit befreundeten Paaren darüber zu sprechen, fiel mir so schwer. Die Scham war einfach zu gross.

Wir probierten also verschiedenstes aus und sprachen offen darüber, doch ich war einfach wie gefangen. Gefangen in etwas, was ich noch nicht so recht definieren konnte. Mein Kopf war ständig mit dabei und meldete Dinge wie «sei nicht so laut, du bist peinlich, du siehst komisch aus, leg dich besser so hin, damit er das oder jenes nicht sieht» und so weiter. Ich war immer total kontrolliert und konnte nicht loslassen. Das war für mich auch der Grund, warum ich meinen Orgasmus nicht erlebte, weil ich einfach nicht loslassen konnte. Und auch wenn es nicht nur um den Orgasmus gehen sollte, hat trotzdem etwas in mir immer nach diesem Erlebnis gesucht.


Ich wollte einfach endlich herausfinden, was denn da los ist. Mir wurde klar, dass irgendetwas nicht stimmt. Und es musste etwas mit mir zu tun haben. Und so begann meine Reise, mein Erwachen, mein Aufrütteln. Und glaub mir, das ist nicht einfach innerhalb von 2 Wochen entstanden, das ist ein Weg von etwa 10 Jahren, bei dem ich immer mal mehr mal weniger Motivation hatte, etwas zu verändern. Natürlich hatte ich die volle Unterstützung von Daniel, und doch wollte er mich nicht unter Druck setzen.


Therapie, Coaching und co.

Wie so viele von uns, holte ich also Hilfe im Internet. Ich begann zu recherchieren was mir wohl am meisten helfen könnte und besuchte eine Sextherapeutin in Bern. Während wir über das Thema Intimität, Sexualität und Selbstbefriedigung sprachen, verriet mich mein Körper. Denn laut Therapeutin war mein Körper wohl wie ein offenes Buch. Während ich meine Geschichten aus der Vergangenheit erzählte, wand sich mein Körper förmlich vor Scham. Scham für den eigenen Körper, für die Unerfahrenheit, für die Prüdheit, für das viele ausgelacht werden, für die vielen Sprüche, Scham für die Unbeholfenheit, Scham für noch immer keinen Orgasmus, Scham überhaupt hier zu sein, Scham für meine Erlebnisse. So machte mich die Therapeutin darauf aufmerksam, dass da ganz viel mitspielt und dass ich meine Geschichte aufarbeiten sollte. Erst da wurde mir bewusst, dass im Bett, wenn wir so intim sind miteinander, Scham und Schuld sehr hinderliche Themen sind. Wenn wir uns dem Gegenüber wirklich hingeben wollen, dann ist das nur möglich, wenn wir vollkommen frei sind. Also war klar, ich hatte einen Stapel Arbeit vor mir.


Ich holte also alle Erlebnisse die passiert sind eins nach dem anderen nach vorne und legte erst einmal Tatsachen auf den Tisch. Ziemlich viel war das. Und was noch viel erschreckender war, ziemlich viele falsche Schlussfolgerungen.


Das heisst, aufgrund von Erlebnissen die mir wehtaten, seelisch oder physisch, die schief gingen oder peinlich waren, habe ich geschlussfolgert dass ich nicht normal bin, nicht richtig bin, nicht gut performe, prüde bin, nicht gut genug bin, nicht attraktiv bin, nicht sexy oder erotisch bin, nicht lustvoll bin, nicht begehrenswert bin. Ziemlich viel für eine junge Frau. Und so waren mal die Tatsachen auf dem Tisch. Schmerzhafte Erlebnisse habe ich mit «falschen» Schlussfolgerung und Scham zusammen begraben. Natürlich ist klar, dass das weder zu Lust noch zu Freude an Intimität führen kann.


Hilfreiche Medien

Darauf folgte der Online-Kurs von Eva-Maria Zurhorst und Ela Buchwald zur eigenen Erotik und Sexualität: «Sex ist Liebe». Dort ging es ganz stark darum, zu sich selber wieder Nähe herzustellen, was wir tun können gegen Scham und Versagensängste und auch darum, wie wir uns dem Partner gegenüber ausdrücken können. Es ging auch darum, den eigenen Weg zu definieren. Dani und ich haben das lange diskutiert und daraufhin beschlossen, dass wir selber definieren wie unser Sexleben aussehen soll. Unabhängig davon, was die Gesellschaft sagt. Denn das hilft natürlich überhaupt nicht, wenn wir hören, dass man als Paar 3x pro Woche Sex haben sollte, oder dass man 4 Mal pro Akt die Stellung wechseln sollte, oder dass Männer dies oder jenes brauchen um sexuell glücklich zu sein. Bullshit. Wir entschlossen uns, selber zu definieren wie wir es tun wollen. Also zählten wir uns gegenseitig auf, wer denn worauf steht und wer denn das abtörnend findet. Ziemlich spannend war das, wem das schwer fällt, da möge auch eine Flasche Wein etwas Unterstützung bieten.


Parallel zu diesem Kurs holte ich mir Bücher, die den heutigen Wissensstand beinhalten. Leider sind ja die meisten Biologiebücher nicht einmal mit einem Bild einer Vulva geschweige denn dem Abbild der Klitoris zu sehen. Und apropos Vulva und Klitoris, wie nennst denn du eigentlich deine Geschlechtsteile? Das war ja auch einmal ganz wichtig, überhaupt die Anatomie des eigenen Körpers kennen zu lernen und zu verstehen, wie denn die einzelnen Teile überhaupt heissen und wie sie zusammengehören.


Was mir auch sehr gut geholfen hat, ist das Buch «Viva la Vagina» von Nina Brochmann und Ellen Stokken Dahl. Dies zu lesen, war schon einmal eine weitere Erlösung. Denn erstens steht da, dass ich mit meinen Problemen längst nicht die einzige bin. Obwohl man das ja immer glaubt, wenn man so in seiner Scham-Bubble drin steckt. Und zweitens hatte ich da die sehr wertvolle Erkenntnis, dass es die spontane und die responsive Lust gibt. Es gibt also Menschen, die oft an Sex denken und auch sehr schnell Lust bekommen, sozusagen allzeitbereit sind. Und es gibt die Menschen, wie mich, die eben erst dann Lust bekommen, wenn ein paar Knöpfe gedrückt werden. Es ist also absolut sinnvoll, als Paar festzustellen, wer welcher Lusttyp ist und dementsprechend auch, wer warum wie reagiert. Das gab mir grosse Erleichterung auch da wieder zu lernen, ich bin nicht falsch, wenn ich nicht ständig am Sex denke.


Darauf wiederum folgten einige weitere Exkurse, eine Tantra-Beratung, eine Tantra-Massage, viel Recherche online, viele Gespräche mit Freunden, eine Erlösung in der Ausbildung zur gewaltfreien Kommunikation. Erst als ich aber Dokumentationen von @srfimpact wie «unzipped», oder Filme am Filmfestival wie «The Dilemma of Desire», gesehen habe, begann ich zu verstehen, wie viele Frauen darunter leiden, keinen Zugang zu ihrer eigenen Weiblichkeit und Sexualität zu haben. Besonders beeindruckt hat mich Sophie Wallace, die als Künstlerin arbeitet und die Klitoris auf verschiedenste Arten visuell darstellt. Ihr Projekt #cliteracy hat mich tief berührt. Das Hauptslogan ist «all bodies are entitled to experience the pleasure that they are capable of». Also auf Deutsch “jeder Körper hat das Recht, das Vergnügen zu erleben, zu dem sie fähig sind»


Oder auch ihre Worte «die Klitoris hat das Recht da zu sein, wie alle anderen Organe auch» berührten mich tief. Und dass die Klitoris ein langgezogenes Organ ist, vergleichbar mit einem Eisberg, sprich der Grossteil liegt unter der Haut, war auch mir nicht bewusst. Ich fühlte mich wachgerüttelt. Plötzlich spürte ich eine innerliche Ermächtigung, meiner Selbst zu erfahren. Ich fühlte mich ermutigt. Und weil Frauen in diesem Film ihre Geschichten mit uns geteilt haben, fühlte ich mich gehört und gesehen. Ich verstand sofort, ich bin nicht alleine. Ich bin nicht alleine.


Der Wendepunkt

Ich ging raus und fühlte mich verpflichtet, mich mit mir auseinanderzusetzen. Also suchte ich nach Selbstbefriedigungstools, googelte Firmen aus dem Film wie @LoveCrave, die hübsche Vibratoren produzierten, die nicht dafür gemacht wurden, um auszusehen wie ein Penis, sondern den Bedürfnissen der Frau entsprechen. Ich recherchierte und gönnte mir schliesslich ein neues Sextoy. Um so nun endlich zum Punkt, oder Höhepunkt zu kommen.

Doch da standen mir noch zwei Hürden bevor. Ich musste lernen zu verzeihen. Ich ging also die einzelnen Geschichten durch und begann, einer nach dem anderen, den Beteiligten zu verzeihen. Und ganz zum Schluss, verzieh ich auch mir. Dass ich es damals nicht besser gewusst hatte. Dass ich ausprobieren wollte, dass ich Erfahrungen sammeln wollte. Was für ein Frieden sich in mir ausbreitete, was für eine Erlösung. Und da höre ich @Lauramaalinaseiler‘s Worte in meinem Ohr, «Eines der grössten Geschenke, die man sich selbst machen kann, ist zu vergeben. Jedem zu vergeben». Und genau das stimmt, wie ich jetzt bestätigen kann.


Und meine zweite Hürde bestand darin, meine hinderlichen Glaubenssätze im Kopf aufzulösen. Glücklicherweise geht das mit Psych-K heute relativ schnell, und so durfte ich verschiedenste Glaubenssätze wie zum Beispiel «Selbstbefriedigung ist etwas Schmutziges» in «Selbstbefriedigung ist etwas Natürliches» transformieren.

Und nun stand meinem Erlebnis nichts mehr im Wege, und siehe da, mein Orgasmus durfte kommen. Wortwörtlich.


Fazit

Ja ihr lieben Leser, egal welchen Geschlechtes du zugehörst, wenn du dich irgendwo in den letzten Minuten getriggert gefühlt hast, etwas dich angesprochen hat, dann schau hin. Hinschauen was jetzt ist, wie es dir geht und wie gut du mit dir verbunden bist. Ich weiss, dass es viel Mut und Überwindung braucht, der innere Schweinehund , die innere Stimme oder sogar die Gesellschaft, die sich ständig melden, und doch es geht bei dieser Reise um dich. Ganz alleine um dich. Finde den Weg zu dir selber. Es ist eine unfassbare Erleichterung, eine Erlösung und einfach auch wunderschön, sich mit sich selber zu befassen. Sich selber kennen zu lernen und sich selber zu erlauben, zu kommen.

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