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  • Karin

#40 Ich muesses elei schaffe oder Hilf vo Andere aneh chönne



"Ich muss es alleine schaffen"

Kennst du das auch? Ein Thema, das sich bei mir immer wieder zeigt. Ich muss es alleine schaffen, ich darf mir keine Hilfe holen. Wenn ich mir helfen lasse, bin ich schwach. Ist das wirklich so? Ja was ist da los? Warum ist das überhaupt ein Thema? Aber starten wir von vorne.


Aus meinem Leben

Ich bin seit 4 Jahren Selbständig, gemeinsam mit 3 anderen Inhaber. Wir haben schon früh sehr viele Aufträge erhalten, haben viel zu tun. So schön, so wünschenswert. Ich habe also sehr viel gearbeitet und Alles gegeben. Das war anstrengend, aber auch eine sehr schöne Zeit. Und doch fällt mir eines immer wieder auf, wenn es darum geht, dass mich andere bei der vielen Arbeit unterstützen wollen, fühle ich mich irgendwie komisch. Dem habe ich bisher keine grosse Beachtung geschenkt, es war auch nicht stark und wichtig genug. Bis heute. Wieder gibt es eine Autragsflut und bald war klar, wir holen uns Hilfe. So kam also eine neue Mitarbeiterin, sie ist mir unterstellt, soll jedoch eine Führungsposition einnehmen. Ich bilde sie aus. Und während dem Einarbeiten ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich getriggert bin, oder mich kritisiert fühle, wenn sie neue Inputs oder Vorschläge zur Verbesserung abgibt. Eigentlich eine wünschenswerte Eigenschaft eines Mitarbeiters, nicht wahr? Doch in mir läuft ein anderer Film. Ich verstehe zwar noch nicht welcher, aber fühle diesen Ärger in mir, ich fühle ich mich kritisiert und stelle fest, wie ich innerlich überschwappe, überreagiere. Ich fühle Wut, bin aufgewühlt, möchte davonlaufen, möchte schnippisch werden, ich nerve mich.


Natürlich beherrsche ich mich und versuche ruhig zu bleiben, vermutlich merkt man es mir gar nicht an, wer weiss. Aber ich spüre, dass da ein Muster in mir abläuft. Etwas, was ich kenne. Etwas, was mich in diesen Momenten beherrscht. Etwas, was immer gleich läuft. Egal wer da Gegenüber steht, es ist immer gleich:


Jemand der mir mein Leben einfacher machen will, oder mich unterstützen, mir helfen will, löst immer dasselbe Muster aus. Doch immer wenn wir über die Masse, also übertrieben reagieren auf Etwas, dann ist das meistens ein Anzeichen, dass da irgendetwas dahinter lauert. Vielleicht kennst du das auch, wenn du deutlich stärker auf etwas was passiert ist, reagierst als dein Gegenüber. Das Gegenüber dich vielleicht noch ungläubig anschaut, was denn jetzt los ist. Ja dann weisst du, jedenfalls ist das meistens so, dass wir in irgend einem Muster gefangen sind und darin handeln und reagieren. So ging es nämlich auch mir, als ich Daniel ein paar Szenen aus meinem Alltag erzählt habe, und er etwas pikiert war wegen meiner Reaktion. Denn von Aussen sieht das ja total anders aus, er fand nämlich, wie toll das ist, dass dieser Mitarbeiter mitdenkt, Vorschläge bringt, inspiriert ist und Inputs darlegt. Eigentlich genial. Denn genau so wächst das Unternehmen. Was ist dein Problem? Gute Frage, ich weiss es noch nicht und versuche also genauer hinzusehen.


Ich beobachte mich also selber im Umgang mit der herausragenden Mitarbeiterin, die ihren Job so wunderbar macht. Was genau passiert da in mir während die Inputs reinprasseln? Ich höre Stimmen wie „was soll das? Es hat doch bisher auch super geklappt, ich habe gar keine Hilfe nötig“.

Diese vorwurfsvolle Stimme höre ich, parallel zu den guten Inputs meiner Mitarbeiterin. Ein Wutmännlein ist da in mir am toben. Ich verstehe, dass es zu 100% mein Thema ist, keineswegs das der Mitarbeiterin, sie kann nichts dafür für meine Gefühle. Sie ist in diesem Moment nur der Auslöser. Und lösen kann ich es also nur selber. Und da dämmert es auch mir, dass ich in irgend einem alten Muster gefangen bin.


Muster und Glaubenssätze

Was heisst das ganz genau, in einem Muster gefangen zu sein? Seit wir auf der Welt sind, lernen wir sehr viel von unserem Umfeld. Wir speichern gewisse Sätze die nahestehende Menschen immer gesagt haben, wir speichern gewisse Abläufe, und wir interpretieren auch ganz viel aufgrund der Reaktionen von Anderen. Wenn ich also als Beispiel gelernt habe, dass sich Hilfe holen, Schwäche darstellt, dann ist das ein Glaubenssatz den ich in meinem System abspeichere. Es gab also vielleicht ein bestimmtes Erlebnis mit anderen Menschen oder vielleicht auch Alleine an einem Tag xy, oder ein bestimmter Zeitpunkt an dem meine Schlussfolgerung stattgefunden hat, und so bleibt das in meinem Unterbewusstsein gespeichert, bis ich hinschaue und es auflöse. Offensichtlich gab es eine Situation, in der ich Hilfe annehmen als etwas gefährliches, enttäuschendes oder verletzendes wahrgenommen habe. Als Schutz vor neuer Enttäuschung entsteht der Glaubenssatz, ich muss es alleine schaffen. Ich tue also alles dafür, dass ich es alleine schaffe, auch wenn das heisst, arbeiten wie verrückt.


Und heute, viele Jahre später, Immer dann, wenn etwas passiert, wo es darum geht, Hilfe von Aussen anzunehmen, dann falle ich zurück in dieses Erlebnis oder diese Situation von früher, das irgendwann einmal passiert ist, und handle genau in derselben Reaktion wie damals. Mein Unterbewusstsein merkt also, dass jetzt etwas passiert, was ich bereits kenne, nämlich Jemand bietet mir Hilfe an, mein Unterbewusstsein erinnert sich an damals und holt die damalig eingeübte Reaktion nach vorne: Nämlich Ablehnung. Ich habe also gar keine andere Wahl, als genau gleich zu reagieren wie ich mir das damals abgespeichert habe. Das ist ein total wichtiger Schutzmechanismus, der uns hilft, Dinge und Erlebnisse einzuordnen. Besonders als Kind und Jugendlicher ist dies super wichtig zum Überleben.


Doch nun, wo ich Erwachsen bin, erlebe ich diese Situation immer wieder. Und alles was sich immer wieder zeigt, will gesehen werden. Jetzt geht es also darum, das zu reflektieren. Brauche ich diesen Schutzmechanismus noch? Bringt er mir etwas? Oder ist es Zeit, diesen loszuwerden.


Das innere Team

Ich tue also, was ich immer tue, wenn ich die Stimmen im Kopf so laut höre. Ich nehme mir Zeit, werde ruhig und gehe in Kommunikation mit meinem inneren Team. Im Podcast Nummer 3 habe ich bereits schon einmal darüber gesprochen, wie du dein inneres Team kennen lernen und mit ihnen kommunizieren kannst.


Ich setze mich also an meinen Tisch mit dazu und versuche mir das Wutmännlein vorzustellen. Schnell sehe ich es. Klein, mit Hammer, wütend, aufgeregt, unlustig. So beginne ich einfach Fragen zu stellen. Was willst du mir denn sagen? Worum geht es genau? Warum reagierst du so? Ich höre wie das Männlein schreit, dass wir keine Hilfe nötig haben, wir es alleine schaffen, wir so gut alleine klar gekommen sind. Ich warte ab, bis sich das Männlein ausgetobt und beruhigt hat und frage dann nach, ob es denn nicht müde sei. Und das ist der Wendepunkt, natürlich ist es total erschöpft, hat kaum mehr Energie und wäre doch so froh, dürfte es einmal etwas loslassen und entlastet werden. Ich frage mein inneres Team, ob denn Jemand bereit wäre zur Unterstützung und erhalte sofort positive Reaktion. Die anderen Teilnehmer sind absolut bereit zur Kooperation, gemeinsam beschliessen wir, das Wutmännlein zu unterstützen und versichern ihm, dass nichts passieren kann, wenn wir Hilfe zulassen, dass es tatsächlich sehr angenehm und entlastend sein kann, wenn uns Andere unterstützen.


Fazit

Was für eine Veränderung. Ich freue mich auf die kommenden Tage und will ganz genau beobachten wie es mir nun ergeht. Und tatsächlich. Ich kann ganz anders arbeiten, spüre keine Ablehnung mehr, wenn mich jemand unterstützen möchte, kann Hilfe schon viel einfacher annehmen, meist sogar mit einem Schmunzeln. Der Krieg im Kopf ist deutlich ruhiger geworden. Ein Traum. Eine grosse Freude.

Ich habe also mehrere Dinge gelernt

  1. Wenn sich etwas immer wieder zeigt, dann will es gesehen werden.

  2. Die Themen zeigen sich immer dann, wenn sie reif sind

  3. Wenn ich mir Zeit nehme und meinen inneren Stimmen zuhöre, dann habe ich die Möglichkeit mich mit ihnen auszutauschen und diese lauten Konflikte zu lösen

  4. Und viertens, Hilfe holen ist schön

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