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  • Karin

#38 Wie wir Neid als Wegweiser nutzen können und was Lästern damit zu tun hat



Neid verspüren wir immer dann, wenn wir uns mit anderen vergleichen und feststellen, dass diese uns in irgendeiner Hinsicht überlegen sind. Dieser Umstand ist vor allem dann schwer für uns zu ertragen, wenn die betreffende Person uns besonders ähnlich ist. Neidisch sein können wir auf alles, von Objekten wie dem Haus, Auto, Schmuck, zu Politischen Positionen oder Job’s, auf Rollen wie Mutter-sein oder Single Sein, ja bis zum Aussehen oder Charakter. Es ist alles möglich. Und spannend ist: Neidisch sind wir alle. Vielleicht unterschiedlich oft und stark, respektive wir lassen uns unterschiedlich davon beeinflussen, doch Neidisch sind wir alle manchmal. Nur gibt das Niemand so gerne zu. Ich habe auch lange geglaubt dass ich nicht neidisch bin. Doch bei mir kam der Neid immer getarnt von Geläster. Doch eins nach dem anderen.


Woher kommt denn nun dieser Neid überhaupt?

Die Wahrheit ist: Neid liegt uns in den Genen. In der Evolution des Menschen war Neid wichtig. Im Wettstreit um die begrenzten Ressourcen hatte derjenige bessere Karten bei der Partnerwahl, der mehr besaß als die anderen (Schönheit, Geschick, Beute). Und das wiederum bedeutete größere Überlebenschancen. Und diese Gefühle begleiten uns noch heute. Selbst Kleinkinder wollen schon unbedingt das Malbuch des Geschwisterchens, auch wenn es haargenau das gleiche ist wie ihres.


Die Folgen

Unser Selbstvertrauen sinkt, wir sind unzufrieden, traurig, wütend oder aggressiv. Neid kann sogar Hass und Gewalt schüren. Wir gönnen anderen nicht, was sie haben, weil wir es selbst haben wollen. Und wenn wir es schon nicht haben können, dann soll es auch kein anderer haben… Denn das macht Neid so besonders perfide: er verunsichert uns zutiefst in dem was wir machen und wer wir sind. Häufig geraten wir über Neid in eine regelrechte Spirale hinein, an deren Ende wir das Leben der anderen maßlos idealisieren, während wir unser Leben und unsere Person in Grund und Boden reden. Das Spannende ist, dass die meisten von uns dann zu lästern beginnen. Wir nerven uns dann über diese Person oder diesen Umstand und lästern was das Zeug hält.


Viele Jahre war Neid ein starker Begleiter von mir. Ich habe das lange nicht gemerkt, denn so oft ist Neid getarnt. Denn wenn ich neidisch war, habe ich einfach zu lästern angefangen. Wenn ich Jemanden beim joggen gesehen habe, dann habe ich mich lustig darüber gemacht, dass diese Person sich eben vor Allen präsentieren muss. Insgeheim aber wäre ich doch so gerne so sportlich. Oder die dort am See, die ihren Körper im Bikini so präsentieren muss, hat es auch noch nötig, gell? Eigentlich hätte ich aber gerne die Figur die sie hat und mache sie deshalb schlecht. Oder die Note des Mitschülers, die immer so viel besser war als meine, dann bezeichnete ich ihn einfach als Streber, und schon fühle ich mich besser. Denn was macht lästern mit uns?

"Wenn alle Menschen wüssten, was die einen über die anderen reden, gäbe es keine vier Freunde auf Erden“,

sagte einmal der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal. Auch wenn es ganz so schlimm vielleicht nicht ist: Die Vorstellung, dass hinter unserem Rücken über uns getratscht wird, ist nicht sehr angenehm. Und doch tun wir es selbst ständig.

Mehr als ein Drittel der Zeit, die wir miteinander sprechen, drehen sich die Themen um Personen, die gar nicht anwesend sind, fand der Psychologe Robin Dunbar von der University of Liverpool bereits 1997 heraus.


Also warum lästern wir denn?

Je länger ich darüber recherchiere und nachdenke frage ich mich folgendes: Geht es für uns dabei eigentlich auch darum, zu lernen, wie wir zu sein und uns zu verhalten haben, damit wir in die Gesellschaft passen. Vielleicht brauchen wir diese Gespräche, damit wir wissen in welchem Rahmen wir uns bewegen sollen. Denn jederman’s Ziel ist doch vermutlich, dass nicht über ihn gelästert wird. Geliebt und gemocht werden vom Umfeld, das wollen wir doch eigentlich. Und hören beim Geläster ganz aufmerksam zu. Ausser man beabsichtigt es natürlich um aufzufallen.


Lästern bewirkt weit mehr als wir denken

Gefühl der Zugehörigkeit Auf der einen Seite schweißt es zusammen, zumindest in kleinen Gruppen. Gemeinsames Lästern erzeugt ein Gefühl der Zugehörigkeit – wobei auf der anderen Seite natürlich andere ausgeschlossen werden, was die Grüppchenbildung noch weiter fördert.


Sich selber besser fühlen Wir wollen uns besser fühlen, das eigene Ego aufputschen und das Selbstwertgefühl stärken. Wenn über andere gelästert wird, kann das nämlich auch dabei helfen, sich selbst besser zu fühlen. Lästern ist dann ein Weg mit zwei Zielen: Sich über andere zu erheben und gleichzeitig in sozial akzeptierter Form Dampf abzulassen.


Schutzfunktion Robin Dumbar hat noch ein Argument, das für lästern spricht: Denn eine wichtige Funktion des Lästerns ist, möglichst schnell möglichst viel über andere Menschen zu lernen, ohne jeden von ihnen sehr gut kennen zu müssen. Robin Dunbar hält das sogar für lebensnotwendig. Der Klatsch sei eine Art soziales Warnsystem, sagt er. Von jemandem, der angeblich unzuverlässig, boshaft oder hinterhältig ist, hält man sich lieber gleich fern, bevor man die erste schmerzhafte Erfahrung macht. Lästern hilft also zu lernen, wen man besser meidet und wem man vermutlich trauen kann.


Doch eines sollte man nicht vergessen: Lästern ist eine Form verbaler Aggression und kann damit auch viel Schaden anrichten. Denn während es dem einen soziale Macht gibt, macht sie den anderen ohnmächtig. In extremen Formen, wie beim Mobbing, kann das sogar zur sozialen Isolation führen – mit psychischen Folgen für die Betroffenen.


Doch Vorsicht, wer ständig lästert muss auch mit den negativen Folgen rechnen: Man verliert die Verbindung zu sich selber, die innere Unruhe macht sich breit, es raubt Energie, die schlechten Gedanken überwiegen plötzlich im Kopf und das Gefühl der inneren leere wächst.


Aber klar, Wir alle lästern mal ab und zu. Das ist normal und natürlich. Ich habe selbst viele Jahre damit verbracht, mir über andere Menschen den Kopf zu zerbrechen. Warum läuft ihr Leben so perfekt, warum hat sie das was ich will, wieso dies, wieso das. Social Media verleitet dazu natürlich ungemein.


Wie kannst du also herausfinden was da für ein Programm abläuft?

Wenn du also merkst, dass du am lästern bist über die eine Person, und dich vielleicht dabei ertappst, oder du anhand der Reaktion des Gegenübers merkst, dass du übertreibst, dann ist es Zeit zur Reflexion. Und vielleicht kannst du dir einmal die Frage stellen, was hat denn das, worauf ich neidisch bin, oder das Leben dieser Person worauf ich neidisch bin, mit meinem Leben zu tun? Ganz oft merken wir dann nämlich, was da wirklich dahinter steckt. Ganz oft merken wir dann, dass wir selber so gerne die Freiheit, den Partner, das Auto oder die Lebensfreude hätten, die wir gerade beim Anderen genervt belästern.


Heute, ja auch heute erwische ich mich noch dabei wie ich neidisch bin oder eben über andere lästern. Vermutlich geht das auch nie wirklich weg. Doch heute kann ich sagen, dass das Geläster zu 100% mit meinem eigenen schlechten Selbstbild zu tun hatte. Ich fand mich zu dick, zu männlich, zu dumm, zu langweilig. Ich fand nur wenig Gutes an mir selbst. So sah ich die vielen anderen Mädchen um mich herum, die natürlich genau das hatten was ich wollte. Ich war neidisch. Viel und oft. Verglich mich ständig mit ihnen.


Du möchtest ein paar Beispiele?

Wenn ich mich darüber ärgere, dass die Andere jetzt arbeitslos ist und das Leben geniesst, es sich gut gehen lässt und die Zeit nutzt um ihren Hobbies zu folgen, und ich darüber lästere, dass sie gefälligst auch arbeiten soll. Könnte es denn sein, dass ich neidisch bin? Dass es mich ärgert, dass sie sich das erlaubt und ich mich täglich abrackere?

Wenn ich darüber lästere, dass andere sich nicht an die Richtlinien des Bundes halten und grosse Parties feiern. Habe ich dann in Wahrheit Angst? Fehlt mir das Sicherheitsgefühl? Oder bin ich neidisch, dass sie sich das erlauben und ich mich brav an die Regeln halte?

Oder wenn es mich nervt und vermeintlich lustige Witze mache darüber, dass es bei der Anderen immer tiptop läuft. Wohnung, Liebe, Job, Familie, alles läuft einfach immer super. Vielleicht tarnt sich ja Neid hinter meinen Sprüchen und Witzen?


Die Schwierigkeit ist nun, sich einzugestehen dass man Neidisch ist. Denn Neid ist ein sozial geächtetes Gefühl – in der Regel schämt man sich, wenn man es in sich entdeckt, denn es zeigt uns, dass wir uns im Vergleich zu anderen als ‚ungenügend’ empfinden. Es ist eine Bedrohung für den Selbstwert, ein „beschämendes Versagen“ (Haubl 2009), eine tiefe Diskrepanz zwischen dem idealen und dem realen Selbst. Aus diesem Grund ist es eine Emotion, die nicht so leicht zu erkennen ist.


Neid in den Religionen

Als menschliche Gefühlsregung ist Neid so verpönt wie verbreitet. Als »Schamteile der menschlichen Seele« betrachtete Friedrich Nietzsche (1844–1900) Neid und Eifersucht.


Christentum

Das Christentum verurteilt Neid: dazu gibt es mehrere Erzählungen in der Bibel. Vor allem die Erzählung von Kain und Abel ist bekannt. Hier ist Neid sogar ein Mordmotiv. Seit dem 6. Jahrhundert ist der Neid eine der sieben Hauptsünden im Christentum. Und der römische Philosoph Seneca warnte vor knapp 2000 Jahren: »Nie wird einer glücklich sein, den das größere Glück eines anderen wurmt.«


Islam

Auch im Islam ist der Neid eine schlechte Eigenschaft. Der Neid wird im Koran erwähnt. Um den Neid zu bezwingen, sollte man bei sich selbst beginnen. Der Prophet Mohammed sagt, dass Neid zu Unheil und zum Tod führen kann. Gebete und Schutzverse sollen den Gläubigen vor Neid schützen.


Hinduismus

Nach dem Verständnis des Hinduismus ist gesellschaftliche Ungleichheit die Folge des individuellen Karmas. Neid sei dabei das nicht akzeptierte Karma. Im Hinduismus werden Menschen in Gruppen und in eine Rangordnung eingeteilt, sogenannte Kasten. Das ganze Leben bleibt ein Hindu an seine Kaste gebunden. Das eigene Karma, die eigene Kaste anzuerkennen kann in diesem oder einem nächsten Leben mit der Wiedergeburt in eine höhere Kaste belohnt werden.


Buddhismus

Im Buddhismus wird Neid als ein „leidbringender Geisteszustand“, ein „Störgefühl“ bezeichnet, das aus Unwissenheit oder Nicht-Erkennen entsteht, dass die wahre Natur des Menschen wie der offene unbegrenzte Raum ist, frei von einer Ich-Vorstellung. Im Buddhismus redet man sogar von den 5 Geistesgiften, die die Erleuchtung verhindern. Nebst dem Neid, ist da auch Unwissenheit oder Verblendung, Hass, Gier und Stolz. Durch Achtsamkeitsübung kann man herausfinden, wann das Gefühl im Geist auftaucht und Besitz ergreift. Dann kann Neid auch ein Wegweiser sein, denn der Neidende wird nur neidisch, wenn er es selbst für möglich hält, diese Eigenschaft zu verkörpern. Das Leben lädt dazu ein, die geneideten Qualitäten in sich zu entdecken.


Ist das nicht super spannend? Diese Sätze muss ich nochmals wiederholen. Neid entsteht nur, wenn ich es für möglich halte, diese Eigenschaft zu verkörpern. Das Leben lädt dazu ein, die geneideten Qualitäten in sich zu entdecken.


Das ist doch eine wunderschöne Wendung der ganzen Situation?


Und woher kommt der Neid denn wirklich?

Menschen verspüren das Bedürfnis, eigene Meinungen und Fähigkeiten zu bewerten. Um zu einer solchen Bewertung zu gelangen, vergleichen sie sich mit anderen Personen. Das ist eine grundsätzliche Veranlagung im Menschen, so dass wir eigentlich nicht nicht vergleichen können. Der Vergleich findet dabei in Hinblick auf relevante Attribute statt, das bedeutet, wir vergleichen uns in Dimensionen, die für unser Selbstbild prägend und ausschlaggebend sind. Ein Angestellter vergleicht sich eher mit einem Kollegen als dem Firmenchef, ein Fußballprofi eher mit seinem Mannschaftskollegen als seinem Physiotherapeuten.


Die drei Stufen des Neides

  1. In der ersten, mildesten Stufe ist Neid das Gefühl des Mangels: „Das habe ich nicht, das möchte ich auch haben!“ Es geht also um ein Bedürfnis, ein Verlangen in uns. Ohne dieses Verlangen führt die Tatsache, dass wir uns vergleichen, noch nicht zu Neid

  2. Im zweiten Stadium bereitet es uns Schmerzen zu sehen, dass andere Annehmlichkeiten oder Vorrechte genießen, über die wir eigentlich auch selbst verfügen, die wir ihnen aber nicht gönnen. Auf dieser Stufe, die man mit den Worten umschreiben könnte: „Ich will nicht, dass der andere es (auch) hat!“ beginnt die Missgunst.

  3. Die am stärksten ausgeprägte Stufe an Missgunst ist nun, wenn jemand sogar bereit ist, auf einen persönlichen Vorteil zu verzichten, nur damit ein anderer nicht in den Genuss dieses Vorteils kommt: „Ich bin bereit, es zu verlieren, nur damit der andere es nicht haben kann!“

Neidgefühle sind immer ein Zeichen für Unzufriedenheit mit dir und deinem Leben. . Du kannst dich ruhig mit anderen vergleichen, aber dich nicht deshalb abwerten. Dein Wert ist unabhängig von deinem Verhalten, deinem Besitz, deinem Aussehen, deinen Eigenschaften, deinem Wissen, deinen beruflichen Leistungen, deinen Fähigkeiten. Der andere und du, ihr seid lediglich unterschiedlich, keiner ist ein besserer oder schlechterer Mensch.

Mitt­ler­weile leben wir in einem Zeit­al­ter des Über­flus­ses, trotz­dem ist der Wett­streit um beson­ders begehrte Res­sour­cen nicht über­flüs­sig gewor­den. Ganz im Gegen­teil. Stän­dig wird er befeu­ert durch Soziale Netz­werke, die heut­zu­tage den stän­di­gen Ver­gleich ermög­li­chen. Neben Pro­mi­nen­ten und Influ­en­cern ver­glei­chen wir uns aber immer noch am liebs­ten mit unse­rem eige­nen Umfeld. Beson­ders schwie­rig wird es, wenn wir plötz­lich auf nahe­ste­hende Men­schen nei­disch werden.


Fast jeder zweite Social-Media-Nutzer weiß, was sich hinter dem Begriff ​“Influ­en­cer” ver­birgt und jeder Fünfte folgt selbst min­des­tens einem Social-Media-Star. In der Alters­gruppe der 14- bis 29-Jäh­ri­gen ist es sogar fast jeder Zweite! Influ­en­cer lassen uns an ihrer Welt teil­ha­ben, gleich­zei­tig wissen wir aber, dass uns diese nicht zugäng­lich ist. Gerade junge Men­schen laufen Gefahr der insze­nier­ten Per­fek­tion nach­zu­ei­fern und ori­en­tie­ren sich lang­fris­tig an fal­schen Idea­len. Sozi­al­psy­cho­lo­gin Vera King sieht das Phä­no­men eben­falls kri­tisch: ​„Es gibt schon länger einen Selbst­op­ti­mie­rungs­wahn. Das Sich-Ver­glei­chen kann in diesem Zusam­men­hang ein gesun­des Maß über­schrei­ten. Denn wird das Ideal nicht erreicht, stel­len sich Unzu­frie­den­heit oder sogar Trauer und Wut ein“.


Und ich glaube eines dürfen wir uns merken: Niemand erinnert dich zuverlässiger an deinen Erfolg als Neider. Halte es deswegen ganz mit Oscar Wilde, der sagte: "Die Anzahl unserer Neider bestätigt unsere Fähigkeiten". Neidhammel sind zuverlässige Erfolgsindikatoren und je lauter sie blöken, desto mehr solltest du innehalten und dir selbst auf die Schulter klopfen. Wo Erfolg ist, sind auch Neider – aber wo Neider sind, da ist auch Erfolg!


Fazit

Weisst du was, ich glaube Neid kann uns weiter bringen. Egal ob er nun gut oder schlecht ist, lästern sein darf oder eben nicht. Wichtig ist, meiner Meinung nach, dass wir ihn erkennen, den Neid. Dass wir aufmerksam und ehrlich zu uns selbst sind. Ich finde neidisch sein ist nichts schlimmes, wenn wir es nutzen um uns weiter zu entwickeln. Und ich finde auch, dass offene und ehrliche Kommunikation über Neid uns weiter bringt. Denn wenn wir nämlich den Menschen die uns wichtig sind unseren Neid gestehen, dann kann das zusammenschweissen, kann das Herzen öffnen, kann das wirklich verbinden. Ich glaube, wenn wir wirklich ehrlich sind und das Thema mit Liebe ansprechen, dann können wir herausfinden, was wir wirklich wollen, wohin der Weg uns führt oder was in unserem Leben fehlt. Um dann diesem Ziel oder Wunsch einen Schritt näher zu kommen.



Quellen

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