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  • Karin

#35 Striite bringt dich witer



Ein Kollege von mir hat letztens zu mir gesagt, dass er das Thema xy mit seiner Freundin lieber nicht anspricht, weil es zum Streit führen könnte. Das sei ihm unangenehm. Das hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht. Warum ist es so, dass wir so negativ denken über das Streiten. Haben wir damit schlechte Erfahrung gemacht? Hat in unserer Vergangenheit der Versöhnungsteil gefehlt nach der Auseinandersetzung? Oder was genau führt dazu, dass wir Angst vor Konflikt haben?


Zu einem Konflikt oder gar offenem Streit kommt es dann, wenn persönliche Werte oder Ziele voneinander abweichen oder die Vorstellungen einer Person mit denen einer anderen unvereinbar scheinen.


Aus meinem Leben

Ganz zum Anfang der Beziehung mit Daniel stellten wir bald fest, dass wir unterschiedliche Streittypen sind. Während ich die Konfrontation suchte, teilweise sogar mit direktem Angriff, suchte Daniel eher den Rückzug mit Flucht. Dass das so nicht gut geht, wurde schnell klar. Ich erinnere mich noch an unseren ersten grossen Streit vor einer Bar. Und Dani wollte eigentlich nur noch davonlaufen, während ich natürlich wieder Harmonie herstellen wollte. So war er drauf und dran davon zu laufen, als ich sagte „wenn du jetzt davon läufst, dann läufst du vor der Beziehung davon“. Dieser Satz liess ihn zumindest inne halten, was natürlich schon ein erster Schritt in meine Richtung war. Zum Glück. So entschieden wir uns zumindest einmal für das gemeinsame Nach Hause laufen und das Ausdiskutieren am nächsten Morgen. Dieses Ereignis führte dazu, dass wir eine Kooperation starteten, indem wir beide einen Schritt aufeinander zugingen. Mit etwas Übung kreierten wir dann unser eigenes Streitkonzept. Nämlich dass ich Meine Worte und Emotionen zügle und eben nicht direkt in Angriff gehe, sondern so kommuniziere, dass es fair und ehrlich ist. Und Daniel versucht sich dem Gespräch zu stellen, bittet aber um Unterbruch, wenn er Zeit braucht um seine Gedanken zu sortieren.


Wo kommt das alles her?

Auch die Streitkultur schauen wir uns zu Hause ab. Ich bin aufgewachsen in einem Umfeld, in denen oft Übertreibungen gefallen sind. Besonders im Streit. Wenn sich also Jemand ungerecht behandelt gefühlt hat, kamen sofort Worte wie „du immer“, und „ich nie“, oder eben „immer ich“ oder „alles“ oder „Jeder“ vor. Diese Worte habe auch ich mitgenommen auf meinen Weg und natürlich in meine Beziehungen integriert. Als Teenager habe ich meine Eltern oft beschuldigt, „dass sie immer so ungerecht seien mit mir“, und „alle Anderen aus der Klasse dürfen gehen nur ich nicht“, oder „immer bin ich dran mit abwaschen“. Diese Übertreibungen und Verallgemeinerungen sind nicht nur falsch sondern auch sehr provozierend. Ich als Kind wollte natürlich nur meine Enttäuschung ausdrücken, habe aber damit bestimmt auch bei meinen Eltern etwas ausgelöst mit meinen Übertreibungen und Verallgemeinerungen. Seit ich erkannt habe, dass ich diese Worte tatsächlich falsch einsetze, bin ich sehr sensibel auf genau diese Worte geworden, Besonders natürlich wenn sie an mich gerichtet sind. Denn nur weil ich mich ungerecht behandelt fühle, heisst das nicht, dass immer ich dran bin. Mir fiel ja schon gar nicht mehr auf, wenn meine Geschwister dran waren. Und auch der Fakt, dass alle anderen an die Party gehen dürfen, nur ich nicht, hat sich eben genau dann als falsch gezeigt, wenn meine Mutter die anderen Mütter angerufen hat, und nachgefragt hat.


Aber das machen wir einfach, es ist total menschlich, dass wir in unserer Enttäuschung übertreiben und verallgemeinern. Doch wir können natürlich lernen, uns anders auszudrücken.


Konflikte an sich sind ja weder gut noch schlecht. Es kommt einfach auf die Art und Weise an, wie wir damit umgehen. Konstruktive Konfliktgespräche können uns näher zusammen bringen und die Intimität in der Beziehung erhöhen. Man setzt sich schließlich mit dem Gegenüber auseinander. „In einer Ehe muss man sich manchmal streiten, nur so erfährt man etwas voneinander“, stellte selbst Goethe schon im frühen 19. Jahrhundert fest und hatte damit gar nicht so unrecht. Psychologen sind sich heute einig: Streit in der Beziehung tut gut. Sehr abträglich für die Zufriedenheit sind aber Konflikte, die dauerhaft nicht gelöst werden und bei denen das Gegenüber mit Vorwürfen reagieren, anstatt zu versuchen, den Standpunkt des anderen zu verstehen.

Und auch wer Probleme immer nur in sich hineinfrisst, wird auf lange Sicht immer unzufriedener. Ab und an einmal so richtig Dampf abzulassen, ist daher gut für unsere seelische Verfassung.


Aus einer Mücke wird ein Elefant

Aus übertriebenem Harmoniebedürfnis gehen viele Paare Konfliktsituationen am liebsten aus dem Weg und gefährden damit im schlimmsten Fall sogar ihre Beziehung . Wir alle kennen das. Wir wollen ja nicht aus einer Mücke einen Elefanten machen und sprechen scheinbar kleine Themen nicht an.


Mein Lieblingsbeispiel sind die Socken. Vielleicht hast du diese Geschichte schon einmal von mir gehört, doch bei uns zu Hause gehörten Socken einfach immer auf den Boden. Man trägt sie ja schliesslich an den Füssen und dort ist es oft schmutzig und deshalb sollen auch ausgezogene Socken auf dem Boden bleiben oder tatsächlich in den Wäschekorb. Als ich dann mit Daniel zusammen wohnte, sah ich natürlich, dass er dies nicht so macht. Bei ihm dürfen die Socken überall sein. Ganz kritisch wurde es für mich, als seine Socken dann auf meinen Kleidern lagen. Haha. Das geht ja gar nicht. Es brauchte also tatsächlich einen richtigen Austausch mit Hinsetzen und diskutieren zum erfahren warum denn jeder seine Socken an einen anderen Ort legt. Dabei ging es aber nicht darum aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, sondern eben das Thema anzusprechen, wenn es noch nicht emotionsbehaftet ist. Auch wollte ich einfach verstehen, warum Daniel dies so macht und nicht identisch wie ich. Das hat für uns sehr gut funktioniert, seither war es für beide klar, warum sich der Andere verhält wie er sich eben verhält.

Wir haben dann also versucht, ganz früh schon diese scheinbar kleinen Themen anzusprechen und nicht allzu lange zu warten bis wir sie erklären oder dann eben klären. So haben wir nämlich die Chance die Herausforderungen oder Schwierigkeiten zu diskutieren und dann noch frei von Emotionen wie Wut und Ärger zu besprechen. Eher sogar darüber zu lachen. Dieses Prinzip haben wir gleich beibehalten. Denn wir alle kennen das, wenn es einmal fetzt, dann neigen wir ganz schnell dazu, noch alte Themen und andere Geschichten mit ins Boot zu holen. Im Stil von „und wenn wir schon dabei sind, damals hast du…“. Das war somit bei uns bis heute zum Glück gar nie möglich, weil wir diese Themen einfach immer geklärt haben, als sie eben noch eine Mücke waren.


Sollen wir nun streiten oder nicht?

Streiten wir uns, löst das Glückshormone, sogenannte Endorphine, in uns aus. Sie sorgen für inneres Wohlbefinden, eine ausgeglichene Stimmung und regulieren unseren Hormonhaushalt.

Versuchen wir hingegen dem Beziehungsstreit immer aus dem Weg zu gehen und schlucken den Frust lieber runter als ihn auszusprechen, kann das schnell zu Kopfschmerzen, Unwohlsein, Schlafstörungen und im schlimmsten Fall sogar zu Depressionen führen.

Gehen wir den Beziehungskonflikten lieber aus dem Weg, als uns mit ihnen auseinander zu setzen und eine Lösung zu finden, dann drehen wir uns nur im Kreis. Ab und zu mal auf Konfrontation zu gehen und auch mal eine Streit zu riskiert, sorgt für frischen Wind und stetige Weiterentwicklung in der Beziehung.


Halten wir unsere tiefsten Wünschen und Bedürfnisse von unserem Partner verborgen, aus Angst es könnte ihn verletzen oder zu einem Konfliktthema werden, dann ist das der erste Schritt der Entfremdung. Ich persönlich bin immer sehr dankbar, wenn sich mein Gegenüber öffnet und anspricht, was ihn stört oder belastet. So habe ich doch die Gelegenheit ihn besser kennen zu lernen und zu erfahren, was hinter den Kulissen abgeht.

Ich glaube, eine Beziehung kann langfristig auch nur funktionieren, wenn wir nicht nur auf körperlicher, sondern auch auf emotionaler Ebenen verbunden sind. Wenn wir Konflikte auch ansprechen und gemeinsam lösen können, ist Ihre Partnerschaft stark genug, kommende Krisen zu meistern. Es besteht ein Fundament an Vertrauen und Sicherheit, auf welchem wir aufbauen können. Wenn ich weiss, dass ich bei Daniel alles ansprechen und benennen darf, ohne dass er gleich ausflippt und aufs Dach steigt, dann gibt mir das Vertrauen in mich, in ihn und in die Beziehung.


Einfacher ist es sicher, wenn wir Problemen in der Beziehung aus dem Weg gehen und sie nicht ansprechen. Das ist allerdings nur kurzfristiger einfacher. Denn irgendwann kommt sowieso alles an die Oberfläche, je länger wir warten, desto unschöner wird es. Und noch etwas, wenn wir uns streiten, ist das doch auch ein klares Zeichen, dass uns das Thema wichtig ist und uns wirklich etwas an der Beziehung liegt.


Ein paar Tipps auf den Weg

  • Wünsche statt Verbote

Ich vermisse dich und wünsche mir mehr Zweisamkeit kommt doch ganz anders an als Du hast ja nie Zeit für mich. Ich wünsche mir, dass du jeden Montag den Müll rausbringst statt nie machst du etwas im Haushalt

So weiss der Partner auch gleich was mir wichtig ist und was mir gut tut, und ich gehe nicht einfach davon aus, dass er das eben wissen muss.


  • Ansprechen statt Schweigen

Konfliktangst bringt uns nicht weiter. Lieber etwas ansprechen was gerade aufkommt und stört, als es unter den Teppich zu kehren.

Wir haben schnell gemerkt, dass wir einander eher verlieren könnten, weil wir das gegenseitige Interesse verlieren oder uns anschweigen, weil wir uns nichts mehr zu sagen haben, als dass wir Schwierigkeiten ansprechen.


  • Respekt

Wenn wir uns gegenseitig beleidigen, die Augen rollen oder fies grinsen, dann ist dies keine Kommunikation auf Augenhöhe. Besprecht doch gleich als Erstes miteinander, warum ihr die Augen rollt oder diese Beleidigungen ausspricht, woher kommt dieses Verhalten? Meistens gibt es dazu eine Vorgeschichte


  • Ehrlich zu sich selber sein

Wegkommen von pauschalen Vorwürfen, lieber ehrlich zu sich selber sein und fragen, ist es wirklich immer oder nie? Oder ist es jetzt einfach schon das zweite Mal.


  • Fokus

Bleibt beim Thema, verliert euch nicht in anderen Sachen, sondern versucht beim Streitthema zu bleiben


  • Streiten wenn das Thema aktuell ist

Am Besten wirklich gleich direkt das Thema ansprechen wenn es aktuell ist. Als wir gemeinsam das Restaurant geführt haben, hatten wir die Regel, immer am selben Abend noch aufzuräumen und den Tag zu bereinigen, damit wir immer seelig einschlafen konnten. Auch haben wir uns versprochen, nie streitig auseinander zu gehen, du weisst nie was passieren kann…

Das ist eine gemeinsame Entscheidung die es zu treffen gibt, danach ist das Einhalten relativ simpel


  • Empathie dazu holen

Wie geht es wohl meinem Gegenüber? Kann ich mich etwas beruhigen und versuchen, in den Anderen hinein zu versetzen? Kann ich Verständnis zeigen?


  • Pausen einlegen

Wenn wir merken, dass wir nicht mehr weiter kommen, uns im Kreis drehen oder eben sogar auf die Beleidigungs- und Vorwurfsschiene geraten sind, macht es Sinn, zu unterbrechen und eine Pause einzulegen. Definiert gleich gemeinsam wie lange die Pause dauert.


  • Kooperation

Was oder wie kann ich einen Schritt auf mein Gegenüber zugehen. Wie ist es möglich, dass ich mich öffne und mich auf einen Kompromiss einlasse?


  • Reflexion

Wichtig ist auch die Phase nach dem Streiten. Habt ihre euch auf eine Lösung geeinigt, und der Streit ist beendet, dann folgt die Reflexion. Hier ist es wunderschön, wenn ihr es hinkriegt, einander zu sagen, was xy bei mir und dir ausgelöst hat. Wo hast du warum, wie reagiert


  • Verzeihen

Und dann natürlich das wunderschöne Verzeihen und loslassen. Wohltuend und befreiend fühlt sich das an, nicht wahr?




Quellen


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