Suche
  • Karin

#30 Ungfragti Ratschläg geh

Aktualisiert: 12. Juni 2021


Wir alle kennen das.

Und zwar beide Seiten. Wir alle haben schon einmal ungefragt Ratschläge und Tipps verteilt. Und wir alle haben schon einmal Ratschläge erhalten von Aussenstehenden, ohne dass wir danach gefragt haben. Spannend ist, dass wir als Ratschlaggebende oft schon, aufgrund der ersten paar Sätze unsere Antworten bereit haben und so oft, den Hauptfokus oder den Sinn der gesamten Sache verpassen. Wir hören nicht mehr aktiv zu und warten nur auf die erste Pause, in der wir los schiessen können. Das heisst, wir geben Ratschläge auf etwas, was gar nicht unbedingt gefragt war.


Gut gemeint

Meine Lehrerein in der gewaltfreien Kommunikation hat dazu immer gesagt „gut gemeint, schlecht gemacht“. Denn die Ratschläge die wir geben, sind meistens bis immer, Ratschläge aus unseren Erfahrungen. Das heisst, wir legen der Geschichte, die nicht unsere ist, unseren Filter auf. Doch die empfangende Person, ist oft in einer ganz anderen Situation oder Ausgangslage, so dass sie eigentlich mit unserem Ratschlag gar nichts anfangen kann. Im Gegenteil, die empfangende Person fühlt sich dann oft nicht gehört und gesehen, oder sogar missverstanden. Oft nerven diese Ratschläge, manchmal sind sie auch verletzend oder machen uns wütend, je nach Situation eben. Und dazu kommt, sie sind so ziemlich immer wenig hilfreich bis unbrauchbar. Manchmal kommen sie auch von Menschen, deren Ratschlag man gar nicht erträgt, vielleicht Jemand, der auftritt, als hätte derjenige die Weisheit mit dem Löffel gefressen. Oder der Ratschlag kommt von Jemanden, den wir nicht so mögen. Viele Menschen zeigen auch gerne, dass sie etwas wissen. Sie sind glücklich, wenn sie Jemandem gute Ratschläge erteilen können.


Man kann wohl davon ausgehen, dass die Ratschlaggeber es in diesem Augenblick wirklich gut meinen und glauben, dass sie dem anderen nun geholfen haben. Dabei überschätzen sie sich und ihr Wissen oft. Und was noch dazu kommt, sie treffen in diesem Moment Annahmen. Nämlich die Annahme, dass es dem Gegenüber gerade gleich geht, wie mir damals, als ich genau dasselbe erlebt habe. Und Annahmen treffen, das haben wir im Interview Nummer 5 aus der gewaltfreien Kommunikation gehört, ist einfach ungünstig. Denn was für den einen gut ist, muss es nicht zwingend für den anderen sein. Und: eigene Erfahrungen lassen sich nicht ohne weiteres auf andere übertragen. Jeder Mensch hat seinen eigenen Hintergrund, hat eigene Erfahrungen in seinem besonderen Lebensumfeld gemacht. Letztlich hat auch jeder seinen eigenen Charakter, seine eigene Denkweise und Lebensart.


„Unwissenheit erzeugt viel häufiger Selbstvertrauen als Wissen“

Diese Erkenntnis stammt von dem berühmten Evolutionsforscher Charles Darwin. Schon damals stieß man auf das allseits bekannte Phänomen, dass inkompetente Menschen dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen.


Aus meinem Leben

Ich erinnere mich an die Zeit, in der wir im 2012 für ein paar Wochen arbeitslos waren. Dani und ich haben geplant nach Kanada auszuwandern. Alles war bereit und Dani reiste bereits 1 Woche vor mir ab. Nur leider kam er nicht über die Grenze nach Canada und musste schweren Herzens wieder umdrehen. Long story short, dies führte dazu, dass wir ein paar Wochen in der Schweiz blieben und neue Pläne schmieden mussten. In denen paar Wochen trafen wir natürlich auf verschiedenste Bekannte, Kollegen und Freunde. Und lustigerweise wussten Alle, dass das absehbar war und vor allem was wir denn jetzt machen sollten. Wir hörten Sätze wie „ah, dass ihr nicht nach Kanada auswandern könnt, hätte ich euch sagen können“ oder „ah, dass das nicht klappt war ganz klar“ bis zu „du, das Restaurant Sternen in Unterseichen sucht noch einen Pächter, das wäre doch etwas für euch“ oder „oh, ich kenne den Inhaber vom Restaurant Chrüz in Obernervig, er braucht neue Geschäftsführer, den kontaktiere ich gleich“. Wow, das ging uns so unfassbar auf die Nerven. Denn nur ganz Wenige schienen sich dafür zu interessieren, was wir eigentlich wollten. Im Gegenteil, alle wussten besser, was jetzt das Richtige für uns ist. Mich traf das immer sehr und ich machte mich selber klein gegenüber diesen Besserwisser. Während Dani einfach den Spiess umdrehte und ganz schnell nach ihrem super-spannenden Leben fragte. So dass der Fokus von uns auf sie zurück fiel. Das war eine grandiose Taktik, die ich mir da ebenfalls anzueignen begann.


Aber warum machen wir das? Warum geben wir ungefragt Ratschläge?

Ratschläge geben ist oft eine Sache unseres Egos. Die Ratschläge sind ja meistens gut gemeint, sie entstehen aber oft aus dem Bedürfnis helfen zu wollen, dem sogenannten Helfersyndrom. Darunter verstehen wir eine bestimmte psychologische Einstellung. Sie betrifft die Menschen, die einen Grossteil ihres Selbstwertgefühles daraus beziehen, dass sie anderen helfen. Doch hinter diesem Bedürfnis zu helfen, auch das habe ich in der gewaltfreien Kommunikation gelernt, steht immer ein anderes Bedürfnis. Wenn ich gerne helfen möchte, dann möchte ich eigentlich vielleicht selber gesehen und wahrgenommen werden, oder wir wollen uns wichtig oder gebraucht fühlen, den Drang nach Bedeutsamkeit stillen. Das heisst also, hinter dem Helfersyndrom steckt eigentlich mein eigenes Bedürfnis, es ist also nicht ein selbstloses sondern im Gegenteil, ein egoistisches Bedürfnis.


Ich habe damit Dani oftmals überfahren, als ich am Anfang der Beziehung oftmals super gute Ratschläge bereit hatte. Ganz einfache Sachen wie „willst du nicht eine Jacke anziehen“ oder „hast du an xy gedacht?“ bis zu „oh da ist aber etwas angebrannt“, wenn Dani es schon längst bemerkt hat. Glücklicherweise hat mir Dani dann auch immer wieder erklärt, wie diese Aussagen bei ihm ankommen, respektive was sie bei ihm auslösen. Natürlich sind auch das alte Muster, die ich mitgenommen und implementiert hatte, ohne es zu bemerken. Ich meine es ja nur gut, das half Dani natürlich überhaupt nicht weiter. Und so haben wir vereinbart, dass ich zuerst frage, ob ich einen Ratschlag geben darf.


Denn Fakt ist auch, sobald wir ungebetene Ratschläge geben, sind wir nicht mehr auf Augenhöhe. Und das ist ja genau das, was auch Dani wahrgenommen hat. Wir stellen uns in diesem Moment nämlich über das Gegenüber, denn wir wissen es ja besser, jetzt, in dieser Situation. Aber ist das wirklich so? Stimmen denn auch meine Erfahrungen überein mit den Erfahrungen des Gegenübers? Oder meine ich das einfach nur?


Aus meinem Leben

Ich weiss noch, als wir nach einem Jahr in Wales zurück in die Schweiz kamen und uns neu orientieren wollten, was wir denn beruflich als nächstes tun sollten. Da hat uns Jemand, für mich Wichtiges geraten, dass wir doch bei einer grossen internationalen Hotelkette starten sollten. DORT können wir etwas verändern und bewirken. Ich weiss noch, wie das damals für mich total realistisch und sinnvoll geklungen hat. Das haben wir dann auch gemacht. Wir sind nach Malta ausgewandert und haben dort äusserst negative Erfahrungen gemacht, davon habe ich schon im Podcast Nummer 2 erzählt. Da war auf jeden Fall alles andere als „Veränderung“ und „etwas Bewirken“ möglich. Und ich habe mich mehrmals dabei ertappt, wie ich insgeheim diese Person für diese Erfahrung beschuldigt habe. Obwohl ich natürlich auch wusste, dass der schlussendliche Entscheid bei mir lag. Und dennoch dachte ich „hätte ich doch nicht auf diesen Menschen gehört“ Ja, das durfte ich mir dann selber eingestehen, dass die Verantwortung ganz alleine bei mir liegt, und das Gegenüber aus der Verantwortung entlassen.


Nach Rat fragen

Dann gibt es aber auch die Situation, dass wir nach einem Rat fragen. In diesem Falle ist zu bedenken, dass damit direkt eine Hierarchie entsteht, die es zu beachten gibt. Auch schwingt der Wunsch nach Verantwortung abgeben mit im Raume, wenn wir nach Ratschlägen fragen. Auch das ist wohl uns allen schon passiert, dass wir Jemand anders beschuldigt haben, der uns damals zu einer Entscheidung einen Ratschlag gegeben hat, welchen wir ausgeführt haben.


Ratschläge im Coaching

Das Schöne im Coaching ist ja, dass wir eben keine Ratschläge und Tipps geben. Im Gegenteil, wir gehen davon aus, dass der Klient alle Antworten in sich trägt. Wir als Coaches stellen im richtigen Moment die richtigen Fragen und versuchen diese Antworten rauszulocken. Nun habe ich mich auch dabei ertappt, ganz am Anfang meiner Coachingkarriere, wie eine Klientin ihre Geschichte mit mir geteilt hat. Sie hat ein für sie passendes Ziel erarbeitet und ihre Antworten erhalten, die sie weiterbringen. In der Reflexion nach dem Coaching habe ich dann gemerkt, dass wenn ich ihre Freundin gewesen wäre und sie hätte mir die identische Geschichte erzählt, dann hätte ich garantiert etwas ganz anderes geraten, natürlich ungefragt, als was sie sich jetzt selber erarbeitet hat. Und das ging mir derart unter die Haut, dass ich mir ganz stark vornahm, keine ungebetenen Ratschläge zu geben. Kennst du das?


Manchmal möchten wir doch einen Rat zu geben, weil uns die Sachlage als Außenstehende Person ziemlich klar erscheint. Man denkt, dass es der ratsuchenden Person eigentlich selbst klar sein müsste. Aber anscheinend ist es nicht so. Das möchten wir ändern. Und dann hat man auch die Sorge, dass sich die ratsuchende Person sprichwörtlich verrennt und einen großen Fehler begeht. Man meint, es nicht (mehr) mit ansehen zu können, sie vor etwas bewahren zu müssen.


Rat ist gefährlich

Marshall B. Rosenberg, der Entwickler der Gewaltfreien Kommunikation hat einmal gesagt, „wenn es darauf hinausläuft, einen Rat zu geben, dann tue es niemals. Es sei denn, du hast zuerst eine von einem Anwalt unterzeichnete schriftliche Aufforderung dazu erhalten“.

Rosenbergs etwas ironisch anmutende Aufforderung, einen Rat nur dann zu geben, wenn man durch einen Anwalt gezwungen wird, zeigt deutlich, dass ein Rat geben gefährlich sein kann, sowohl für den Ratsuchenden als auch den Ratgeber.


Und warum nehmen wir ungebetene Ratschläge eigentlich so ungerne entgegen?

Ratschläge sind auch Schläge, so lautet das Sprichwort, besonders die ungebetenen. Sie werden oft als Grenzverletzung, als Eindringen in die Privatsphäre empfunden. Auch wenn sie noch so gut gemeint sind, scheint in ihnen immer auch ein leiser Vorwurf, ein Tadel am eigenen Verhalten mitzuschwingen. Besonders am Arbeitsplatz können sie dazu führen, dass der mit einem Ratempfänger das Gefühl hat, seine Kompetenz werde in Frage gestellt. Er hört Kritik und Mängel an seiner Person. Nicht selten kann ein Rat auch als Beleidigung aufgefasst werden.


Auch in Beziehungen sind wohlmeinende Hinweise, Empfehlungen und Vorschläge kein Garant für Harmonie. Wer von seinem Partner ständig Vorschläge hört, wie er etwas besser machen kann, gerät rasch in ein Dilemma. Auf der einen Seite will er sich von seiner besten Seite zeigen und die Angebote des anderen wohlwollend annehmen. Auf der anderen Seite gerät mit jedem Annehmen die persönliche Freiheit ein Stück mehr in Gefahr.

Zu viel „guter Rat“ kann das Gleichgewicht in einer Partnerschaft empfindlich stören und für erhebliche Missstimmung sorgen.


Und nun, was denn nun? Wie machen wir es denn besser?

Nun, ich habe mir ein paar Tipps überlegt, falls du diese ungewollten Ratschläge nicht lesen möchtest, dann fühl dich frei, jetzt wegzuklicken :)

Ansonsten, los geht’s mit Tipps an den Ratschlaggeber:

  • Aktives zuhören

  • Warten bis zum Schluss und zuerst zusammenfassen was man verstanden hat

  • Nachfrage, ob ein Ratschlag erwünscht ist

  • Darf ich dir sagen, was ich denke?

  • Möchtest du meine meinung hören?

  • Darf ich dir einen Ratschlag geben?

  • Nachfragen, ob ein gemeinsames Erarbeiten der Möglichkeiten und Konsequenzen hilfreich wäre

  • Falls nein, die Absage in Kauf nehmen

  • Körperhaltung und Tonfall beachten


Und ich habe auch Tipps an den Ratschlagempfänger:

  • Ruhig und gelassen bleiben, es über sich ergehen lassen mit dem Wissen, dass es der Andere ja nur gut meint

  • Bedanken

  • Angeben, dass man darüber nachdenken wird

Fazit

Sprich doch auch mit deinem Umfeld über dieses Thema. Wir alle haben das schon gemacht und kennen beide Seiten der Situation. Und ich glaube, das ist auch völlig ok. Indem wir einfach nachfragen, wie das Gegenüber uns denn wahrnimmt, können wir dies ganz einfach klären und ändern wenn wir möchten. Und wer weiss, wenn wir selber weniger ungefragte Ratschläge erteilen, dann bekommen wir vielleicht auch seltener ungefragte Ratschläge. Dann wäre das ja eine Win-Win-Situation für uns alle 😊


Quellen


Partner

24 Ansichten0 Kommentare