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  • Karin

#23 Ziel erreicht und trotzdem unglücklich?



Kennst du das Gefühl, wenn du etwas lang ersehntes erreicht hast, und dann plötzlich ist es da, und das Feuerwerk fehlt? Dann ist da einfach Nichts? Oder du fragst dich vielleicht, hm und was jetzt?


Ja das kenne ich auch.


Der Ankunftsfehler

Wir Menschen neigen manchmal dazu, unser Glück oder Glücklich sein von dem Erreichen eines Zieles abhängig zu machen. Wir glauben, wenn diese Sache oder jener Umstand in Erfüllung gehen, dann werden wir glücklich sein. Das gesamte Denken und Fühlen ist auf die vermeintlich bessere Zukunft ausgerichtet. Aber wer darunter leidet ist die Gegenwart. Völlig unbemerkt zieht das Leben an uns vorbei.


Der amerikanisch-israelische Autor und Glücksforscher Tal Ben-Shahar nennt dies den Ankunftsfehler, oder auf Englisch the arrival fallacy.


Nicht wenige erkennen erst wenn sie am Ziel angekommen sind, dass dieses zu erreichen, offenbar zum Glücklichsein nicht ausreicht und setzen sich neue Ziele, ohne das Phänomen verstanden zu haben. In einer Leistungsgesellschaft wie unsere, wo alles aus der Sicht von Leistung und Erfolg betrachtet wird, ist der Druck enorm. Viele Menschen werden oft danach bemessen und bewertet, welche Ziele sie haben und ob sie sie erreichen. Dabei geht es oft nicht darum, wie ich mich selbst bewerte, sondern was Andere denken.


Nicht selten manifestiert sich dieser Ankunftsfehler in Gedanken wie:

  • Wenn ich erstmal meine Ausbildung/mein Studium abgeschlossen habe, fängt das richtige Leben an.

  • Wenn ich 20 Kilogramm weniger wiege, werde ich glücklich sein.

  • ·Wenn ich dieses Zertifikat ausgestellt bekomme, stehen mir alle Türen offen.

  • Wenn ich das Projekt beendet habe, wird sämtlicher Stress von mir abfallen.

Oft arbeiten wir über Wochen, Monate oder sogar Jahre auf ein bestimmtes Ziel hin. Ist es schließlich erreicht, verpufft das Glücksgefühl recht schnell. Nicht umsonst spricht man auch vom Glücksmoment, denn das Glück, das wir bei Erreichen eines Ziels empfinden, ist oft nur von kurzer Dauer.


Die Gefahr dabei: Menschen gehen häufiger über ihre eigenen Grenzen. Wer über einen langen Zeitraum Energie in etwas steckt, braucht irgendwann Erholung. Bricht der Sinn dieses ganzen Aufwandes plötzlich weg, weil wir unser Ziel erreicht haben, kann es passieren, dass wir danach völlig erschöpft und ausgelaugt sind.


Gleichzeitig, und das ist das gefährliche daran, mussten wir in anderen Lebensbereichen kürzer treten und versuchen dies nun aufzuholen, denn die Arbeit geht weiter: Wer sein Zeugnis hat, muss sich nun um einen Arbeitsplatz bemühen, wer auf eine Beförderung hingearbeitet hat, hat nun neue oder zusätzliche Aufgaben, die vielleicht mehr Einsatz abverlangen.


Aus meinem Leben...

Genau das habe ich tatsächlich so erlebt. Als wir am Flumserberg ein Restaurant geführt haben, wussten wir von Anfang an, dass 1 x pro Jahr der Grossevent das Kuhrennen stattfinden wird. Schon früh haben die Einheimischen uns gesagt, dass wir da brillieren müssen. So haben wir lange auf diesen Tag hingearbeitet. Bei schönem Wetter können gut 1‘000-2‘000 Gäste auf unserer Terrasse sein, die über den Bauernmarkt spazieren, etwas konsumieren, der Band zuhören, die Kühe begutachten, Wetten abschliessen oder eben am Nachmittag dann das Kuhrennen schauen. Unsere Aufgabe war es, den ganzen Speisen- und Getränkeservice zu gewährleisten, und das mit 800 Sitzplätzen. Wir waren richtig gefordert in der ganzen Planung und Organisation. Als der Tag dann kam, war grandioses Herbstwetter angesagt und laut Schätzungen waren rund 4‘000 Besucher auf dem Festgelände. Der Tag ging wie am Schnürchen und alles lief hervorragend, noch besser als gedacht. Und kaum war alles vorbei, war es eben vorbei. Denn auf diesen Tag hatte ich so lange hingearbeitet und danach kam die Frage, und was jetzt? Die grösste Herausforderung des Jahres hatten wir gemeistert und hinter uns. 4 Monate später haben wir gekündet.


Unsere Erwartungen

Und genau so sieht bei vielen die Realität aus. Kaum ist das Ziel erreicht, fällt das Kartenhaus zusammen. Oft ist das Ziel ja auch wirklich gross und so stellt sich bei vielen die Frage, was es denn jetzt überhaupt noch besseres gäbe? Was braucht es denn noch damit ich glücklich bin?


Neben dieser Leere geht es ja auch um die Erwartungen, die wir mit unserem Ziel verknüpfen. Also wenn ich dann schlank bin, dann erwarte ich, dass ich glücklicher bin, einerseits. Andrerseits aber vielleicht auch Erwartungen wie, dann mögen mich die anderen, dann finde ich einen Partner, dann werde ich gefragt für Dates.

Klar, das geringere Gewicht mag sich vielleicht auf mein Äußeres auswirken, aber es ändert nicht meine Persönlichkeit. Das heißt, die verknüpften Erwartungen von einem aufregenderem Sozialleben treffen womöglich nicht ein. Gleichzeitig versuche ich dann, wieder Anschluss an die Dinge zu finden, die ich vernachlässigen musste, da ich an meinem Ziel gearbeitet habe. Ist dann das Wunschgewicht erreicht, ist die fast noch grössere Herausforderung, dran zu bleiben.

Das Verrückte an Erwartungen ist: Wenn sie nicht erfüllt werden, sind wir enttäuscht. Wenn sie übertroffen werden, dann freuen wir uns. Aber wenn unsere Erwartungen erfüllt werden, wenn wir also genau das erreichen, was wir angestrebt haben: Dann freuen wir uns nur für kurze Momente.


Ich diskutiere das ganze mit Daniel und wir fragen uns wie viel denn der Verstand und das Herz hier mitspielen. Im Internet finde ich den spannenden Satz: A L L E S, was wir erreichen möchten, wollen wir erreichen, weil wir denken, dass es uns dann besser geht. Wir wollen glücklich sein. Oder glücklicher.


Und ich glaube genau da liegt das Problem. Das Ziel kam vom Verstand und Hirn, und nicht vom Herz. Ich diskutiere dies mit Daniel, jetzt gerade, und wir fragen uns, ob es denn überhaupt Ziele aus dem Herzen gibt, oder ob diese immer vom Verstand kommen? Sind Träume die die aus dem Herzen kommen und sind Ziele die die aus dem Verstand kommen? Kann es sein, dass der Herzensweg sich ganz anders anfühlt als der Weg des Verstandes? Wir lassen diese Fragen einmal so im Raume stehen.


Wir glauben Beide, dass die Gegenpole dieser Leere die Bescheidenheit und Dankbarkeit sind. Beides will geübt sein und gelingt vielleicht auch nicht von heute auf morgen. Denn vor lauter Ziel erreichen und kämpfen auf dem Weg, leidet natürlich die Gegenwart. Wir haben nur noch das Ziel im Kopf und wie wir schnellstmöglich dahinkommen. Vergessen aber, ganz nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ das Unterwegs zu geniessen. Dazu gehöre ich übrigens auch 😊


Ankunft im Hier und Jetzt

Wenn wir also dieses Phänomen bei uns erkennen, wenn wir also merken, dass wir einem Ziel hinterherjagen und nicht mehr den Moment und unseren Alltag geniessen, dann könnten wir uns doch auch fragen: Was brauche ich denn jetzt, damit ich meinen Alltag geniessen kann? Oder umgekehrt, was fehlt mir jetzt, was ich beim Ziel vermutlich hätte, was mich jetzt meinen Alltag geniessen lassen könnte. Und ziemlich immer wenn ich mich das frage, lande ich bei Bescheidenheit und Dankbarkeit. Ich stelle fest, dass ich ja Alles habe was ich brauche, auch jetzt schon. Dass mein Ziel ja einfach ein Bonus ist. So komme ich wieder runter auf den Boden und sage zu mir selbst, wofür ich jetzt gerade alles dankbar bin. Das hilft mir, um während dem Gehetze wenigstens einmal inne zu halten und in den Moment zu kommen. Auch verändert sich sofort mein Gefühl von „ich muss noch“ auf „wow, ich muss eigentlich gar nichts, denn alles ist schon da“.


Meine 4 Schritte beim Kreieren des nächsten Zieles:

  1. Definiere ganz genau was dein Ziel sein soll

  2. Ich möchte innert 4 Monaten 10 Kilo abnehmen, damit ich mich vitaler fühle, mich frei bewegen kann und gesund bleibe

  3. Versuche, die Erwartungen, die du bereits vom Aussen mit diesem Ziel verknüpft hast, loszulassen

  4. Lass los von Erwartungen die von Aussen kommen

  5. Die Erwartung darf wenn, dann von dir kommen: Ich lerne innerhalb der nächsten 4 Monate, mich so anzunehmen wie ich bin, ob mit oder ohne die 10 Kilos

  6. Definiere, was du auf dem Weg dahin geniessen und besonders wertschätzen möchtest

  7. Auf dem Weg dahin freue ich mich darauf verschiedene Rezepte auszuprobieren,

  8. verschiedene Sportarten zu testen

  9. mit Freunden zu trainieren

  10. die Fortschritte zu spüren

  11. das veränderte Körpergefühl wahrzunehmen

  12. mein Spiegelbild zu betrachten

  13. Was ist wenn ich das Ziel erreicht habe

  14. Dann feiere ich mich erst einmal

  15. Und möchte innert den 4 Monaten einen Plan kreiert haben, wie ich denn weiterhin das Gewicht auch halten kann

Reflexion in 6 Schritten

Und wenn du am anderen Ende stehst, ein Ziel erreicht hast und diese Leere da ist, dann versuch dich doch in einer Reflexion mit folgenden 6 Schritten:

  1. Feire erst einmal den Moment und stoss auf dich selber auf das erreichte Ziel an, auch wenn es erzwungen ist

  2. Wenn Du genug gefeiert hast, halte inne und hör dir selber zu was du zu sagen hast, warum bist du unzufrieden? Was sagt der innere Kritiker zu dir?

  3. Erkenne, worum es ganz genau geht. Was liegt hinter der Unzufriedenheit?

  4. Erhalte ich zum Beispiel nicht die Anerkennung die ich mir gewünscht habe von einer Person, dann darfst du das Spiegelgesetz (Podcast #9) anwenden und dich fragen, warum gebe ICH mir denn nicht die Anerkennung die ich bräuchte

  5. Wenn Du Dir selber leid tust und Dich gerade als Opfer siehst, dann schau ganz genau hin, was dahinter liegt

  6. Oder vielleicht sind alle anderen schuld an etwas. Egal was, versuche ganz genau hinzuschauen was sich da gerade abspielt.

  7. Versuche dich in die Vogelperspektive zu begeben und erkenne

  8. Was ist wirklich wahr

  9. Wo belüge ich mich selber oder mache ich Andere für etwas verantwortlich

  10. Erkenne, ob und was es jetzt zu ändern gibt, damit du dein Glück geniessen kannst

  11. Setze dies in die Tat um und wende beim nächsten Mal die 4-Ziel-Schritte an


Fazit

So möchte ich zum Schluss noch einmal wiederholen, wie stark die Bescheidenheit und die Dankbarkeit die Sicht auf die Dinge verändern können. Wenn wir es schaffen, uns in diesen Beiden zu üben und diese tagtäglich zu praktizieren, wirst Du nicht mehr in diesen leeren Strudel kommen. Du wirst erkennen, dass dein gestecktes Ziel ein schöner Bonus ist, den du dir wünschst. Doch du im Rücken gestärkt bist mit einem Paket an Allem was du brauchst. Probier es aus?



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