Suche
  • Karin

#20 Angst vor falschen Entscheidungen

Aktualisiert: 12. Juni 2021



Gehörst Du auch zu denen, die sich nie entscheiden können, aus Angst, dass sie die falsche Wahl treffen? Sei es beim Kleiderkauf, bei der Partnerwahl oder ganz simpel im Restaurant, wenn es darum geht, sich für ein Gericht zu entscheiden?


Eine Geschichte aus Schweden

Als wir ein paar Monate in Schweden gelebt haben, war eine junge Frau mit uns auf der Farm, heute eine gute Freundin, welche genau dieses Phänomen ständig mit sich trug. So wurde jeder einzelne Tag zu einer Anstrengung für sie. Sobald es zwischen Zweierlei zu entscheiden gab, begann das Debakel. Jede Entscheidung beinhaltete die Angst vor den Folgen. Und das ist ja so wahnsinnig anstrengend, nicht nur für sie selber sondern auch für das gesamte Umfeld. Wir treffen uns jährlich in gemeinsamen Ferien und können uns deshalb gut darauf einstellen, dass jede Entscheidung nun mal etwas länger geht. Doch wer tagtäglich mit einem Menschen mit dieser Entscheidungsangst zusammen ist, dessen Geduld wird getestet.


Natürlich macht das ja Keiner absichtlich, im Gegenteil. Es macht den Betroffenen regelrecht Bauchschmerzen, wenn sie sich für etwas entscheiden sollen, manchmal zeigen sich sogar noch viel stärkere körperliche Symptome wie Zittern, Herzrasen, oder Kreislaufprobleme. Oft ist auch noch ein Wertekonflikt mit drin gefangen, was das Ganze natürlich noch viel schwieriger macht. So nachvollziehbar die Angst und die damit verbundene Unentschlossenheit auch ist: Sie ist ein Problem für den Erfolg und die persönliche Entwicklung. Wer im Job ständig zögert und zaudert, verliert mit der Zeit den Respekt der anderen und auch vor sich selbst. Sie werden gleich zweifach den Ansprüchen nicht gerecht – denen ihres Umfelds und den eigenen.

Oft verlieren die Betroffenen auch den Bezug zur Realität. Die Angst und Panik ist in diesem Moment so gross geworden, so aufgebauscht, dass sie gar nicht realisieren, dass sie sich eigentlich nur zwischen zwei Biersorten entscheiden sollten um im Pub mit Freunden anstossen zu können. Es scheint dann so, als ginge diese Entscheidung um Leben und Tod.

Was noch dazu kommt, ist, dass Betroffene oft das Gefühl haben, dass es nur 1 richtige Entscheidung gibt, obwohl sehr oft auch verschiedene Wege möglich wären.

Was das Ganze noch schwieriger macht, ist nicht zu entscheiden. Damit geben die Betroffenen die Verantwortung ab und schieben diese Entscheidung ständig vor sich her.


Helfende Fragen in akuten Situationen

Folgende 7 Punkte könnten den Betroffenen oder auch den Angehörigen helfen, die Sache mit den Entscheidungen etwas zu vereinfachen

  1. Bringe es ganz genau auf den Punkt worum die Entscheidung wirklich geht

  2. Mache dir klar, was die möglichen Konsequenzen sind

  3. Erkenne die Wichtigkeit deiner Entscheidung und frage dich selbst

  4. Wie denke ich darüber in 10 Minuten / in 10 Monaten / in 10 Jahren

  5. Benenne die Auswahlmöglichkeiten

  6. Schliesse aus, was du ohnehin nicht wählen kannst oder willst

  7. Ist bewusstes Nicht-Entscheiden eine Option?

  8. Ist eine Nacht darüber schlafen eine Option?


Fortsetzung aus Schweden

Und da das Alles ja auch noch einen tieferen Ursprung haben könnte, erzähle ich dir nun noch das Ende der Geschichte unserer Freundin: Nach vielen, vielen Stunden darüber sprechen haben wir bei ihr den Ursprung entdeckt. Eine tief sitzende Angst aus der Jugend lag dahinter, aufgrund von einem Erlebnis, bei dem sie damals effektiv die ihrer Meinung nach falsche Entscheidung getroffen hat. Dies hat sie sich selber nie verziehen, ja nagt heute noch daran und wirft sich dies immer wieder vor. Das heisst also, jede noch so kleinste Entscheidung holt die uralte Angst aus der Jugendzeit hoch, ohne dass sie es überhaupt gemerkt hatte. Es galt also erst einmal die Vergangenheit zu bereinigen. Mit ihr haben wir dann also ein paar ganz andere Fragen geklärt


  1. Was gilt es loszulassen? Die Erkenntnis, dass es vorbei und vergangen ist, reicht oft alleine nicht aus. Das Unterbewusstsein hat manchmal noch nicht verstanden, dass die Situation längst vorbei ist.

  2. Was gilt es zu akzeptieren? Als Zweites braucht es Akzeptanz. Akzeptanz von Allem was war. Alles was bisher in meinem Leben geschehen ist, war gut und hat dazu geführt, wo ich heute stehe. Punkt.

  3. Was gilt es zu verzeihen? Als Drittes braucht es Vergebung, und zwar mir selber. Ich vergebe mir selber meine eigene Vergangenheit. Meine bisherigen Entscheidungen.


Richtig und Falsch

Und dann glaube ich, braucht es für die Zukunft eine Definition von dir persönlich. Denn die grosse Frage ist doch, was heisst überhaupt richtig oder falsch? Aus wessen Sicht ist überhaupt Etwas richtig oder falsch? Wann ist es überhaupt falsch? Ist es nicht einfach so, dass uns das Ergebnis der getroffenen Entscheidung nicht gefällt, und das bewerten wir als Negativ? Das hat doch eigentlich nichts mit Richtig oder Falsch zu tun?


Ich persönlich bin der Meinung, wenn wir auf unsere Intuition und unser Herz hören, gibt es keine falschen Entscheidungen. Nicht alle Entscheidungen kann ich mit dem Verstand treffen, nicht immer hilft mir eine Pro-Contraliste. Früher habe ich oft Listen geführt über zu treffende Entscheidungen, doch sehr oft war es dann eben auch so, dass mein Herz eine andere Idee hatte von der «richtigen» Entscheidung. Und manchmal ist es doch auch so, dass wir gar nicht erklären können, warum wir so entschieden haben, wir sind einfach einem Gefühl gefolgt. Kennst du das?

Für mich hängt diese Überzeugung, dass alles so seine Richtigkeit hat, auch ganz stark mit den bereits in anderen Podcasts erwähnten Themen zusammen. Also Themen wie Urvertrauen, Vertrauen ins Leben, dass das Leben für mich ist. Denn wenn ich der Meinung bin, dass das Leben für mich ist, dann vertraue ich auch darauf, dass die richtigen Signale zu mir kommen und ich diesen folgen darf. Würden wir in unserem Leben nur Entscheidungen mit dem Verstand treffen, dann wären diese weder richtig noch falsch, aber würden vermutlich nicht Alle zu unserem Glücklich sein beitragen, denn es wäre nicht der Weg des Herzens. Noch kurz zum Thema Entscheidungen treffen: Es gibt mit der „Planned Happenstance Theory“ von John Krumboltz, einem Stanford-Psychologen, eine sehr interessante Theorie über den Zufall in der Karriere- und Lebensplanung. Er sagt, dass im Berufsleben sehr oft glückliche Zufälle darüber entscheiden, wohin der Weg führt. Daher sollte man optimale Bedingungen für diese Zufälle schaffen und sehr offen durchs Leben gehen: Auf interessante Personen zugehen, Veranstaltungen besuchen, Gespräche führen. Einfach ausprobieren und schauen, was sich ergibt. Das muss einer gewissen Planung auch gar nicht widersprechen.


Reue

Und wie ist es denn nun mit der Reue?

Hinter Reue steht immer auch die Erkenntnis dass meine Entscheidung zu einem Resultat geführt hat, was mir nicht gefällt, was ich also negativ bewerte.

Ich glaube, es gibt zweierlei Reue.

Die Eine Reue ist die selbstzerstörerische, wie im Falle unserer Freundin. Das heisst, jedes Mal wenn ihr dieses Erlebnis vor die Augen tritt, wird sie traurig, wütend und ablehnend zu sich selber.

Die Andere Reue ist die selbstfördernde, die dazu führt, dass wir unser Leben umkrempeln. Wir haben eine Entscheidung getroffen, deren Resultat uns nicht gefällt, was dazu führt, dass wir die Situation analysieren und ins Handeln kommen. So dass wir die Situation wieder herstellen können, dass sie uns gefällt. Und zur Reue noch eine letzte Anmerkung des britischen Psychoanalytikers Adam Phillips: Von ihm stammt der tröstliche Gedanke, dass alles, was wir uns wünschen und was sich möglicherweise nicht erfüllt, genauso zu uns gehört wie die Realität. Ausschlaggebend ist auch, wofür wir uns nicht entscheiden – wir führen eine Art Doppelleben. Rückblickend würde man vielleicht manche Dinge anders machen, damals hatte die Entscheidung aber ihre Logik. Ich finde, das ist ein beruhigender Aspekt zu diesem Thema: Wir sind auch das, wofür wir uns nicht entschieden haben.


Fazit

Wie oft stehen wir vor Entscheidungen im Leben? Manchmal grössere, mal kleinere. Eigentlich aber treffen wir jeden Tag hunderte von Entscheidungen. Schon nur, die Tram zu nehmen statt zu laufen oder in diesen Laden einzutreten oder das zum Mittag zu essen, das sind alles Entscheidungen, die wir tagtäglich treffen müssen. Wir wissen also auch bei den kleinen Entscheidungen nicht, wie würde es mir gehen wenn ich den Salat oder den Burger essen. Wir wissen es nicht. So stellt sich mir die Frage, können wir dann überhaupt über Richtig und Falsch urteilen, wenn wir das Resultat der anderen Entscheidung gar nicht kennen?


Ich höre mir gerne die Fakten an und befasse mich damit, bis ich eine Übersicht habe. Das Schlusswort hat aber die Intuition und das Herz. Damit habe ich bisher sehr gute Erfahrungen gemacht. Das ist übrigens auch was Ratgeber raten, immer Herz und Kopf in Einklang bringen und keine einseitigen Entscheidungen treffen. Dann habe ich die Chance auch dahinter zu stehen und dies als meinen Weg zu akzeptieren.

16 Ansichten0 Kommentare