Suche
  • Karin

#08 Ich übernehme Verantwortung für mich



Ich übernehme Verantwortung für mich und mein Leben. Wie tönt dieser Satz für Dich? Ist er vertraut? Fühlst Du da Ablehnung oder fühlst Du Dich davon angezogen?


Der Andere ist schuld

Es ist absolut menschlich und meiner Meinung nach auch normal, dass wir das Aussen für unser Leben verantwortlich machen. Mit dem Aussen, meine ich alles Mögliche ausser mir selbst. Das Wetter, den Chef, den Partner, die Eltern, die Kinder, egal was, Hauptsache nicht ich. Für uns Menschen ist es so viel einfacher, durch das Leben zu kommen. Besonders wenn es anspruchsvoll wird, oder wir in der Krise stecken, dann fällt es uns viel einfacher jemanden Anderen zu beschuldigen als bei uns selber zu reflektieren.

Es fällt uns viel leichter zu sagen, dass ich unglücklich bin wegen Covid, oder dass es mir nicht gut geht wegen dem Wetter oder dass der andere Schuld ist an meiner schlechten Laune. Anstatt selber zu reflektieren und mich zu fragen, was hat denn meine Laune oder was haben meine aktuellen Gefühle denn mit mir zu tun? Was hat denn mein ganzes Leben mit mir zu tun? Was davon kann ich beeinflussen?


Dazu gehöre ich natürlich auch. Also du kennst das bestimmt auch, oder? Sätze wie:

  • Mein Partner muss mich glücklich machen.

  • Weil es regnet geht es mir nicht gut.

  • Wenn mein Chef mir mehr bezahlen würde, wäre ich glücklicher.

  • Wenn dieser Mensch mir nicht das oder Jenes angetan hätte, ginge es mir viel besser.

  • Wenn er mich nicht verlassen hätte, dann wären wir heute glücklich.

  • Oder wenn er mir endlich zuhören würde, dann wäre unsere Beziehung viel besser.

Sätze, die wir vermutlich Alle schon einmal gesagt haben. Aber was genau passiert denn hier?


Der Andere hat Macht über mich

Wenn wir sagen, mein Partner muss mich glücklich machen, dann heisst das, dass er mir etwas schuldig ist. Dass es seine Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass ich glücklich bin. Doch die grosse Frage ist, kann er das denn überhaupt? Was müsste der Partner denn dafür tun, dass ich glücklich werde? Was beinhaltet das? Mehr Liebe? Zuhören? Da sein? In den Arm nehmen? Wäre ich denn dann wirklich glücklicher, wenn er all dies täte? Oder finde ich dann etwas Anderes, was er scheinbar falsch macht?

Und nebst dessen, dass ich ihn für mein Glück verantwortlich mache, gebe ich ihm auch die Macht über mein Leben. Denn wenn es ja seine Aufgabe ist, mich glücklich zu machen, dann hat er ja in der Hand ob ich glücklich bin oder nicht, somit hat er also Macht über mich und mein Leben. Die grosse Frage ist, will ich das?

Ich glaube, dass dies langfristig nur in eine Sackgasse führen kann. Ich bin der Meinung, dass Keiner im Aussen veranwortlich ist dafür, wie es mir heute geht. Sondern einzig und Alleine ich.


Aus meinem Leben...

Dies betrifft auch Erlebnisse aus der Vergangenheit, an denen wir uns gerne festhalten. Manchmal sehen wir uns als Opfer unserer eigenen Geschichte. Doch auch das kann ich beeinflussen. Das Gegenüber ist vielleicht verantwortlich dafür, was damals passiert ist, aber nicht, wie du heute damit umgehst. Denn das kannst du beeinflussen, du hast die Wahl. Du kannst entscheiden, wie du heute über das damalige Erlebnis denken willst.

Und glaub mir, das erleben wir Alle. Eine Geschichte aus meinem Leben:

Ich hab viele Jahre alle Anderen für meine schlechten Noten in der Oberstufe verantwortlich gemacht. Wirklich reflektiert habe ich dies erst anfangs meiner 20er Jahre und habe erst dann begriffen, was da wirklich passiert ist. Aber erst einmal von vorne.

Ich war in der Oberstufe nicht in dem Klassenniveau, in dem ich sein wollte. Daran waren meine Eltern Schuld, aus meiner Sicht. Gefangen in meinem Trotz kam dazu, dass ich lernfaul und wenig Lust auf Schule hatte.

Die schlechten Noten sorgten also dafür, dass ich bald zum ersten Mal provisorisch abschloss. Zweimal provisorisch hiess Niveau wechseln. Das wollten meine Eltern verhindern, ich allerdings nur so halbwegs. Also kam Nachhilfe bei Papa und meinem Bruder dazu. Damit wurden meine Noten leider auch nicht besser, denn sie hatten kaum Zugang zu mir. Ich strengte mich auch nur bedingt an. Natürlich verlor mein Bruder öfters die Geduld und sagte auch mal so etwas wie, Du bist einfach zu blöd. Da er die Geduld verlor, hatte ich eine wunderbare Ausrede. Mein Bruder hat keine Geduld, mein Vater kann nicht gut erklären und die Lehrer können nicht unterrichten. So hatte ich wenigstens drei Erklärungen. Und die schlechten Noten blieben.


Ich war Opfer. Opfer meiner Selbst. Opfer meiner eigenen Wahrnehmungen. In diesem Zustand konnte ich natürlich überhaupt nichts verändern, im Gegenteil, aber das wollte ich ja auch nicht. Ich war gerne Opfer und machte gerne Alle Anderen verantwortlich für meine Probleme. Die müssten sich einfach mehr Mühe geben, die müssten einfach besser erklären können, die Anderen. Unbewusst habe ich zusätzlich noch den Satz „dass ich zu dumm bin für diese Welt“ abgespeichert, denn das wurde mir ja so gesagt. Ojee, also nur mit Ach und Krach kam ich durch die obligatorische Schulzeit.


Reflexion

Erst viele Jahre später im Erwachsenenalter merkte ich, dass es mich jeweils sehr stark getriggert, wenn ich das Gefühl hatte, meine Intelligenz wird in Frage gestellt. Oder wenn Jemand Wissen bei mir abfragen wollte. Erst mit der Reflexion verstand ich, dass diese alte Geschichte noch immer gut verankert ist in mir. Dass diese Glaubenssätze noch da sind, dass ich eben zu blöd sei für diese Welt. Jahrelang habe ich mich also unbewusst festgehalten daran, dass Alle Anderen Schuld waren und ich eben zu blöd bin für diese Welt.

So begann ich mich damit auseinanderzusetzen und bemerkte schnell, dass die Anderen ja überhaupt nichts hätten tun können, dass es nicht um meine Intelligenz sondern um meinen Willen ging. So erkannte ich schnell, dass weder mein Bruder noch mein Vater, noch meine Lehrer Schuld waren an meinen schlechten Noten, geschweige denn daran dass ich scheinbar zu blöd sei.


Verzeihen

So konnte ich sie Alle entlassen aus meinem Vorwurfskatalog. Und ich konnte ihnen und vor allem mir verzeihen für diese Zeit. Denn diese Vorwürfe, die wir dem Anderen machen, die stehen dann ja auch ständig zwischen uns. Unbewusst vielleicht, aber sie sind da.

Bist du gerade in einer solchen Situation? Oder gibt es etwas, was du noch nicht gehen lassen konntest und das Aussen, also Jemand anders ausser Dir verantwortlich dafür machst? Dann hol doch diese Situation einmal hoch, wir können diese gleich zusammen reflektieren.

Ich übernehme Verantwortung für mein Leben, heisst für mich nämlich 3 konkrete Schritte. Versuche doch gleich mitzumachen und diese Schritte so gut es geht objektiv abzuhandeln, also frei von Vorwurf und Schuldzuweisung. So wertfrei wie es dir möglich ist. Dies sind die Drei Schritte

  1. Um was geht es eigentlich wirklich? Was ist genau passiert? Warum hat der Andere so gehandelt? Was ging im Anderen vor?

  2. Was ist mein Anteil darin? Wie habe ich mich verhalten und warum? Was waren meine Gefühle und Bedürfnisse hinter meinem Verhalten?

  3. Was hätte ich stattdessen gebraucht in dieser Situation?

Wenn wir dies nun auf meinem Beispiel anwenden, könnten dies die Antworten sein:


Um was geht es eigentlich wirklich? Was ist genau passiert? Warum hat der Andere so gehandelt? Was ging im Anderen vor?

Mein Vater und Bruder nehmen sich Zeit um mit mir zu lernen und mich zu unterstützen, um den Niveauwechsel verhindern zu können. Mein Einsatz stimmt aber nicht überein mit dem Einsatz der Betroffenen. Ich war sehr verschlossen, liess die anderen nicht an mich heran, so konnten die Anderen gar nicht besser agieren. Sie verloren die Geduld, da sie gerne meine Wertschätzung für ihre Zeit / ihren Aufwand mit mir gehabt hätten. Es kommt zu Auseinandersetzungen und Streit.


Was ist mein Anteil darin? Wie habe ich mich verhalten und warum? Was waren meine Gefühle und Bedürfnisse hinter meinem Verhalten?

Ich war in einer Klasse, in der ich mich nicht wohl fühle, teilweise gemobbt wurde. Ich bringe Noten nach Hause, die dazu führen könnten, dass ich das Niveau wechseln müsste. Ich lehnte mich selber ab, fühlte mich von Aussen abgelehnt und somit in meiner eigenen Ablehnung bestätigt. Ich war lernfaul, ich hatte keine Lust, ich war gekränkt, hätte so gerne die Klasse gewechselt, fühlte mich nicht gesehen und nicht gehört. Ich fühlte diesen Schmerz in mir drin, konnte ihn aber nicht benennen. Das alles führte zur Rebellion.


3. Was hätte ich stattdessen gebraucht in dieser Situation?

Ich verstehe, dass ich den Anderen keine Chance gelassen habe, mir zu helfen. Ich war selber traurig und im eigenen Schmerz gefangen. Ich habe mich selber abgelehnt und mich selber aufgegeben. Ich fühlte mich bestätigt in der Ablehnung der Anderen. Den Satz, ich bin zu dumm für diese Welt hat sich richtig angefühlt für mich. Ich hätte stattdessen Liebe, Verständnis und Unterstützung von Anderen, aber vor allem von mir selber gebraucht.


Mitgefühl für mich selber

So nun hast du eine Beobachtung der Situation frei von Vorwürfen und Schuldzuweisung. Nun können wir damit arbeiten. Wie Du in diesem Beispiel siehst, war der eigene Schmerz, den ich fühlte, verantwortlich dafür, wie die Geschichte geendet hat. Es ist relativ schnell klar geworden, dass die Anderen nicht schuld sind an meinen Schulnoten. Sie wussten einfach nicht besser, wie mit mir umzugehen, und ich ja auch nicht. Und plötzlich habe ich die Möglichkeit, mich in das damalige Ich hineinzuversetzen und empfinde Mitgefühl für mich.

Geht es dir auch so in deiner Geschichte? So hast Du vielleicht auch die Möglichkeit, Dir selber und den Anderen zu verzeihen. Denn das finde ich das Schönste daran, dass wir den Anderen aus unserer Geschichte loslassen können.


Und das Verrückte ist, während ich diese Geschichte mir immer wieder erzählt habe, wie Alle anderen schuld sind, hatten sie immer die Macht über mich. Und Dazu kam, dass die Anderen, auf die ich unbewusst so wütend war, sich nicht einmal mehr wirklich erinnerten an diese Geschichten. Es war nur für mich eine total dramatische Geschichte. Mein Vater und Bruder erinnerten sich schon fast nicht mehr daran.


Das heisst also, es geht hier auch um ein Erlösen unserer Selbst.


Fazit

Also zusammengefasst, wenn wir verstehen, dass wir die Sicht auf ein vergangenes Ereignis das ist, was wir beeinflussen können, dann ist schon vieles gemacht. Versuche es doch auch einmal, deine Geschichten so zu reflektieren?

8 Ansichten0 Kommentare