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  • Karin

#05 Bin ich wirklich ehrlich zu mir?

Aktualisiert: 23. Jan. 2021

Ein grosses Thema. Für mich Jedenfalls.

Hätte mich das vor einem Jahr Jemand gefragt, hätte ich geantwortet "aber selbstverständlich. Ich bin immer ehrlich zu mir".



Meine Lügen an mich selbst

In Wirklichkeit, habe ich aber in den letzten Wochen und Monaten das Gegenteil festgestellt. Einmal mehr haben wir in einem Modul der gewaltfreien Kommunikation eine Schublade geöffnet, die lange Zeit verschlossen war. Über all die Jahre habe ich mir selber Dinge erzählt, die so nicht statt gefunden haben. Oder Situationen beschönigt, wo es eigentlich ein "der-Wahrheit-in-die-Augen-schauen" gebraucht hätte. Oder eben Fakten schlicht und einfach ignoriert.

Jetzt - da ich die Schublade geöffnet habe - ist ein Hinschauen nötig. Das habe ich jetzt gemacht. Das ergab einige Tage Tränen, viel Trauer, Wut, schlaflose Nächte und vor allem aber verschiedenste klärende Gespräche. Das Ganze war vermutlich deutlich schmerzhafter, als wenn ich vermutlich damals der Wahrheit in die Augen geschaut hätte. Ganz konkret meine ich hier Freundschaften, die ich beschönigt habe, Ex-Beziehungen in denen ich mir damals immer wieder gesagt habe, dass alles gut wird. Oder wenn wir zusammen noch in diese Ferien fahren, dann wird alles gut. Oder auch Dinge, die ich zu Menschen gesagt habe, damit sie zufrieden sind und hören was sie möchten, obwohl es für mich nicht gestimmt hat.


Heute, einige Wochen später, ist mir einiges bewusst und klar geworden. Ich glaube heute, dass wir uns Alle selber belügen. Ja wir sind sogar richtige Künstler darin, Fakten zu ignorieren, Wahrheiten zu verdrehen oder die Realität zu verbiegen. Besonders wenn es um Erlebnisse in der Vergangenheit geht. Waren diese auch noch so schlimm, wir verschönern sie auf irgend eine Art und Weise. Wir machen uns selber zum Held unserer eigenen Geschichte. Aber warum ist das so? Warum belügen wir uns selbst?




Kognitive Dissonanz

Man könnte es einfach Selbstbetrug nennen. Die Forschung aber nennt dies die "kognitive Dissonanz", dies beschreibt also Situationen, die dem Selbstwert dienen. Grob gesagt, ist eine Kognition jede (verarbeitete) Wahrnehmungen / Information / Vorstellung / Meinung / Einstellung / Wertehaltung, die wir im Kopf haben. Das heisst, verschiedene eigene Werte sind nicht miteinander zu vereinbaren, passen nicht zusammen. Unser Gehirn tut alles dafür, diese Werte wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Dies könnten zum Beispiel Geschichten sein wie, dass du etwas Gutes für die Umwelt tun willst, aber eben lieber mit dem Auto als mit dem Velo zur Arbeit fährst, wenn es regnet. Oder dass du eigentlich abnehmen möchtest, und Schokolade eben so sehr liebst.

Oder dass du eigentlich zum Sport gehen solltest, aber es im Bett so schön gemütlich und warm ist. Die ungeklärte Situation ruft einen unangenehmen Gefühlszustand hervor.


Die guten alten Griechen

Äsop, der um 600 v. Chr. im antiken Griechenland lebte, galt als Begründer der europäischen Fabeldichtung. In „Der Fuchs und die Trauben“ erzählt er vom kleinen Fuchs, der trotz seiner Mühen die Trauben am Weinstock nicht erreichen kann, weil sie zu hoch hängen. Daraufhin sagt sich der Fuchs „Sie sind mir eh zu sauer“, um dann erhobenen Hauptes weiter zu spazieren.

Die kognitive Dissonanz entsteht hier durch die klaffende Lücke zwischen dem Wunsch, die Trauben zu essen und der Realität sie nicht erreichen zu können.


Und im guten alten GEO habe ich folgendes gefunden:

Der Neurowissenschaftler Keise Izuma vermutet das „Dissonanzzentrum“ in einer Hirnregion, die Forscher den posterioren Teil des mediofrontalen Kortex (pMFC) nennen. Ein Areal, das offenbar dafür zuständig ist, Dinge zu vermeiden, die nachteilige Konsequenzen haben könnten.

Das heisst, das Hirn will den Spannungszustand der entstanden ist, unbedingt auflösen, kann aber nicht mehr wirklich objektiv handeln. Es entsteht ein Störgefühl und daraufhin beginnt ein innerer Rechtfertigungskampf. Dieser führt manchmal zur Selbsttäuschung, teilweise bis zur Selbstsabotage.


Wenn wir noch einmal auf die Beispiel von vorher eingehen, dass ich etwas Gutes für die Welt tun möchte, aber eigentlich lieber das Auto nehmen möchte weil es regnet, da folgen Rechtfertigungen zur Entscheidungshilfe wie "also wegen diesen 10 Minuten Autofahrt, das macht dem Klima auch nichts", oder "ich muss das Fahrrad sowieso zuerst zum Mechaniker bringen", oder "ich nehme dann morgen wieder das Fahrrad". Das sind alles Rechtfertigungen, weil das Interesse an einer besseren Welt, sich jetzt gerade nicht vereinbaren lässt, mit der eigenen Bequemlichkeit.


Diese Situationen gibt es überall, zum Beispiel auch im Beruf. Wer sich selber für einen professionellen Mitarbeiter hält, erfährt dann die kognitive Dissonanz wenn ein Kunde die eigene Arbeit kritisiert. Wir schauen dann oftmals der Situation nicht in die Augen, sondern kreieren eine Rechtfertigung um uns selber aus der Affäre zu ziehen. Dann kommen Gedanken wie "dieser Idiot hat eh keine Ahnung" oder "er ist eben ein schwieriger Kunde".


Besonders schmerzlich ist die kognitive Dissonanz dann, wenn es am eigenen Selbstwert kratzt. Also wenn wir etwas ändern möchten, aber aufgrund von fehlender Disziplin dies nicht möglich ist. Dann entsteht eine Distanz zwischen dem eigenen Selbstbild und der Realität.


Reaktion auf die kognitive Dissonanz

Nun haben wir drei Möglichkeiten:

1) Unser Verhalten verändern

2) Rechtfertigung durch a) die Alternative abwerten oder b) Schuld Zuweisung

3) Verleugnen, Ausblenden, Ignorieren und Ablenken


Ich habe für mich jahrelang die Rechtfertigung und die Ignoranz gewählt. Nicht mehr.


Wie siehst Du das? Belügst Du Dich auch selber? Welchen Weg wählst Du?


Fazit:

Die Erkenntnis, dass ich mich selber belüge hat gut getan. Seit ich der Wahrheit in die Augen geschaut habe und alle Themen mit den Betroffenen geklärt habe, ist es sehr viel ruhiger in mir. Vor allem aber - und das ist das lohnenswerte an der ganzen Sache - Seither, habe ich meinen eigenen Lügen-Wächter in mir. Er merkt, wenn ich wieder ins alte Muster zurück falle und ermahnt mich. So hat es sich also gelohnt den Schmerz durchzuleben...


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